01.10.2020 Branche | Produkte

Risikofall Pandemie: Versicherer ändern ihre Bedingungen

Die Versicherungsbranche arbeitet bereits seit Monaten an neuen Regularien für die Betriebsschließungsversicherung. Zukünftig sollen Pandemien wie Corona als Leistungsfall ausgeschlossen sein. Wer sich wie positioniert – ein Überblick

Betriebsschließungen im Frühjahr haben Millionenschäden verursacht. Die Versicherer hatten diese nicht einkalkuliert. In der Folge passen sie nun ihre Bedingungswerke an. (Foto: © Thomas Aumann – stock.adobe.com)
Betriebsschließungen im Frühjahr haben Millionenschäden verursacht. Die Versicherer hatten diese nicht einkalkuliert. In der Folge passen sie nun ihre Bedingungswerke an.
(Foto: © Thomas Aumann – stock.adobe.com)

Es hat sich bereits angebahnt: Seit einem ersten Urteil des Landgerichts Mannheim im Mai hoffen viele Betroffene der coronabedingten Betriebsschließungen auf ein Einlenken ihrer Versicherer oder Erfolg vor Gericht. Trotz vieler Beteuerungen seitens der Branche, stets individuelle und faire Lösungen zu finden, wächst die Zahl der Klagen. Nun ist die erste millionenschwere Entscheidung gegen einen Versicherer gefallen. Die Versicherungskammer Bayern muss an einen Münchener Gastwirt zahlen, will allerdings in Berufung gehen.

Bilanzen schwer belastet

 

Da auch der Allianz und weiteren Unternehmen Niederlagen drohen, stellt sich die Frage nach den Konsequenzen für die Branche. Klar ist: Die Entschädigungen aus der Betriebsschließungsversicherung (BSV) belasten die Bilanzen der Versicherer schwer. Bei der Konzeption und Kalkulation der Policen hatte die Assekuranz nicht im Blick, was nun wahlweise juristische Auseinandersetzungen mit oder hohe Zahlungen an die Kunden auslöst: flächendeckende präventive Betriebsschließungen per Allgemeinverfügung. So unterschiedliche Wege die Branche bei der Regulierung eingeschlagen hat, so einig ist sie sich bei der Frage nach der Zukunft der BSV. Stellvertretend sagt GDV-Sprecherin Kathrin Jarosch: „Wir müssen von vornherein noch klarer kommunizieren, was versichert ist und was nicht.“ Dementsprechend arbeitet ein Expertenkreis im Verband an neuen Musterbedingungen für die Police. 

Versicherer passen Vertragsbedingungen an

 

Tatsächlich haben alle vom FOCUS-MONEY-Versicherungsprofi befragten Gesellschaften bereits ihre Bedingungswerke überarbeitet oder sind gerade dabei. Zu ihnen zählt auch die aktuell besonders betroffene Versicherungskammer: „Wie andere Versicherer reagiert der Bayerische Versicherungsverband in Folge der Corona-Pandemie und aktualisiert seine Bedingungen zur Betriebsschließungsversicherung. Pandemien und Epidemien werden explizit ausgeschlossen“, sagt Sprecherin Claudia Scheerer. Die HDI Versicherung hat bereits im Sommer Konsequenzen gezogen und ihre BSV neu aufgelegt. Das Coronavirus und auch künftig epidemisch oder pandemisch auftretende Infektionen sind hier allerdings auch weiterhin versichert. Für die Deckung ist nun aber eine behördliche Einzelanordnung für das versicherte Unternehmen zwingend erforderlich. „Betriebsschließungen per Allgemeinverfügung sind ausdrücklich vom Versicherungsschutz ausgenommen“, so Unternehmenssprecher Andreas Krosta.

Auch die Signal Iduna hält grundsätzlich an der BSV fest. Es brauche aber mehr „Transparenz und Sicherheit für unsere Kunden und für uns", sagt der Vorstandsvorsitzende Ulrich Leitermann. Wer bei den Dortmundern einen Schaden meldet, bekommt eine Fortsetzungsvereinbarung angeboten. „Darin ist die Schließung per Einzelverfügung – auch wegen einer Corona-Infektion – ausdrücklich eingeschlossen", sagt Leitermann – die per Allgemeinverfügung sind aber ausdrücklich ausgeschlossen.

Keine Kompromisse bei der Allianz

 

Auf ähnlichen Pfaden wandeln die Aktuare und Produktmanager bei der ERGO. „Wir werden unseren Kunden zum Ablauf der Verträge ein Neuordnungsangebot machen“, sagt ERGO-Sprecherin Claudia Wagner. Das neue Produkt werde Ende dieses Jahres verfügbar sein. Ein Produktrelaunch ist auch bei der Axa zu erwarten. „Die BSV ist und bleibt ein wichtiger Teil der Absicherung für unsere Firmen- und Industriekunden“, so Sprecher Christian Frevert. Doch die öffentliche Debatte rund um das Produkt mit seinen teils stark voneinander abweichenden Bedingungswerken und die unterschiedliche Regulierungspraxis im Markt bewegen den Kölner Konzern. Frevert: „Wie sich dies auf die bestehenden Verträge auswirkt, wird derzeit evaluiert.“ Fortsetzung folgt.

Einen Schritt weiter sind offenbar die Produktmanager und Aktuare beim Münchener Verein. Sie arbeiten fieberhaft an einer tragfähigen Lösung – und halten sich alle Optionen offen: „Wir werden unser Bedingungswerk anpassen. In diesem Zusammenhang wird die Streichung von Epidemien und Pandemien als Leistungsauslöser kein Tabu sein“, sagt Sprecher Johannes Schuster. Das hat die Allianz bereits umgesetzt: Europas größter Versicherer schließt inzwischen weltweit in seinen Sachpolicen Pandemien oder Epidemien aus. „Das gilt auch für unser neues Betriebsschließungsversicherungsprodukt auf dem deutschen Markt“, sagt Sprecher Christian Weishuber.

GDV-Ausschuss sucht Branchenlösung

 

Unter den Versicherern herrscht Konsens darüber, dass Risiken wie die aktuelle Corona-Pandemie nicht durch ein einzelnes Versicherungsunternehmen versicherbar sind. „Dafür bedarf es in der Zukunft einer branchenweiten Lösung“, sagt Signal Iduna-Chef Ulrich Leitermann. Die hat inzwischen ein Ausschuss im Branchenverband GDV erarbeitet. „Die Corona-Pandemie hat gezeigt, dass vielen Unternehmen bei einer behördlich angeordneten Schließung ohne schnelle finanzielle Unterstützung die Insolvenz droht.

Die Versicherungswirtschaft hat daher ein Konzept für eine öffentlich-private Pandemieabsicherung entwickelt, um die wirtschaftlichen Folgen künftiger Pandemien abzufedern“, sagt GDV-Geschäftsführer Jörg Asmussen. Der Fonds könne bei regional begrenzten Epidemien staatliche Soforthilfen zumindest teilweise ersetzen, so die Idee der Versicherer. Eine Einigung mit der Bundesregierung steht noch aus. Asmussen: „Eine umfassende, rein privatwirtschaftliche Absicherung von Pandemierisiken ist aber nicht darstellbar.“

 


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