25.11.2019 Branche | Produkte

Telematik-Tarife: 25 Prozent als Ziel

Im VP-Interview erklärt Dr. Katharina Amann von der HUK-COBURG, warum man in der Kfz-Versicherung noch stärker auf Telematik setzen will.

Dr. Katharina Amann (Foto: HUK-COBURG)
Dr. Katharina Amann
(Foto: HUK-COBURG)

Der Begriff Telematik ist eine Wortschöpfung aus Telekommunikation und Informatik. In der Kfz-Versicherung bedeutet er, dass der Versicherer die Fahrweise des Kunden technisch erfasst, auswertet und umsichtiges Fahren mit Rabatten belohnt. Dies soll gleichzeitig Unfällen vorbeugen und der Umwelt helfen. Trotz allem – den großen Durchbruch haben die Telematik-Tarife noch nicht geschafft. Intransparenz, Komplexität und die Risiken der enormen Mengen gesammelter Daten sind häufig genannte Kritikpunkte. War Telematik bisher vor allem für Fahranfänger konzipiert, ging die HUK-COBURG 2019 mit einem Tarif, der für alle Altersgruppen erhältlich ist, einen Schritt weiter. Nach insgesamt drei Jahren und über 340 Terabyte Telematik-Daten zieht das Unternehmen Bilanz. Dr. Katharina Amann kümmmert sich seit einem Jahr als Geschäftsbereichs­verantwortliche Telematik in der HUK um die Entwicklung des Angebots in der Kraftfahrtversicherung. Der Versicherungsprofi sprach mit ihr über erfüllte Erwartungen, mehr Kundennähe und kritische Datenschützer rund um das Thema Telematik.

Frau Dr. Amann, nach 1,6 Milliarden gefahrenen Telematik-Kilometern ziehen Sie eine erste Bilanz. Wie fällt sie aus?

Dr. Katharina Amann: Sehr positiv. 2016 sind wir mit einem Telematik-Produkt für junge Fahrer bis 25 Jahre gestartet. Daraufhin haben uns viele Kunden, die älter waren, auf das Produkt angesprochen. Und nach vielversprechenden Marktanalysen haben wir im April dieses Jahres das neue Produkt „Telematik Plus“ für alle Altersgruppen eingeführt. Zuvor hatten wir ja bereits viel Erfahrung gesammelt mit Telematik – sowohl beim Algorithmus als auch bei der Technik, zum Beispiel mit dem Aufbau der erforderlichen Big-Data-Infrastruktur.

Was sind die zentralen Erkenntnisse, die Sie gewonnen haben?

Amann: Wir können jetzt schon sagen, dass die Prämie fairer wird. Kunden, die sicher und vorausschauend fahren, werden mit einem günstigeren Beitrag belohnt. Generell ist Telematik ein wichtiger Ansatz, um das individuelle Fahrverhalten in der Tarifierung treffender abzubilden und zu beurteilen. Es zeichnet sich auch ab, dass Kunden, die sich mit ihrem Fahrverhalten auseinandersetzen, besser werden. So entstehen insgesamt weniger Schäden, und der Straßenverkehr wird sicherer.

Wie gut funktioniert die Handhabung von Telematik im Alltag?

Amann: Für die meisten unserer Kunden funktioniert unsere technische Lösung sehr gut und speist stabil Werte ein. Die Technik basiert auf einer Kombination aus einem Hardware-Sensor, den man an die Windschutzscheibe klebt, und dem Smartphone des jeweiligen Kunden. Dabei muss man bedenken, dass es sehr viele Smartphone-Modelle und Betriebssystemversionen mit entsprechenden Besonderheiten gibt. Bei jedem Endgerät sind Einstellungen wie GPS, Bluetooth oder Stromsparmodus extrem wichtig für gute Ergebnisse.

Geht mit dem hohen Digitalisierungsgrad nicht ein Verlust an Kundennähe einher?

Amann: Im Gegenteil. Mit dem Telematik-Tarif treten unsere Kunden deutlich mehr mit uns in Kontakt. Sie schauen sich in der HUK „Mein Auto App“ ihr Fahrverhalten an, sind neugierig auf den zu erwartenden Bonus oder fragen vielleicht sogar einen Termin in einer Partnerwerkstatt an – über die App. Für die Weiterentwicklung unseres Produkts brauchen wir das Kundenfeedback.

Ein verantwortungsvoller, vorausschauender und sicherer Fahrstil wird mit einem attraktiven Bonus belohnt.

Dr. Katharina Amann

Oft wird bemängelt, dass unklar ist, wie die Fahrweise genau angepasst werden muss, um den größtmöglichen Rabatt zu bekommen. Was entgegnen Sie?

Amann: Ein verantwortungsvoller, vorausschauender und sicherer Fahrstil, der den Verkehrs- und Sichtverhältnissen entspricht, wird mit einem attraktiven Bonus belohnt. Eine riskante Fahrweise wirkt sich negativ aus. Was wichtig ist: Es gibt keinen Malus. Man zahlt also nie mehr als den Einstiegspreis, der ja bereits mit zehn Prozent rabattiert ist. Darüber hinaus können Sie als Kunde in der App nachvollziehen, wie Sie auf welcher Strecke gefahren sind und wie Sie zum Beispiel in den Dimensionen Lenken, Bremsen und Beschleunigen abschneiden. So kann der Kunde sein Fahrverhalten einschätzen und sich einen höheren Rabatt holen.

Wie groß ist das Interesse Ihrer Kunden an Telematik-Tarifen, seitdem Sie das Angebot ausgeweitet haben?

Amann: Für Telematik Plus konnten wir seit April bereits etwa 90.000 Kunden gewinnen. Mittelfristig wollen wir im Bestand einen Anteil von circa 25 Prozent bei Telematik‐Tarifen erreichen.

Sind für die Kunden, die sich nicht für Telematik entscheiden, langfristig Preissteigerungen zu erwarten?

Amann: Telematik und Nicht-Telematik können als zwei separate Bestände gesehen werden. Jede der beiden Versichertengruppen bezahlt das für die Gruppe jeweils Erforderliche. Das heißt, es gibt keine Schlechterstellung von Nicht-Telematik-Kunden. Der Rabatt für Telematik entsteht durch Risikodifferenzierung, Selektion und Verhaltensänderung.

Wie begegnen Sie den Vorwürfen von Verbraucherschützern wegen der enormen Menge gesammelter Daten?

Amann: Die Fahrdaten sind Voraussetzung dafür, das Fahrverhalten bewerten zu können. Die Fahrdaten werden datenschutzkonform in einer separaten GmbH mit getrenntem Datenkreislauf erfasst und pseudonym verarbeitet. Die GmbH auf der einen Seite kennt den Namen des Versicherten nicht. Dem Versicherer auf der anderen Seite werden lediglich einmal jährlich die Resultate in Form eines aggregierten Fahrwerts übermittelt. Wir wissen nicht, wie der Kunde im Einzelnen fährt, bekommen nur einmal jährlich den Gesamtfahrwert für dessen Fahrzeug. Zudem steht es jedem Kunden frei, das Telematik-Programm täglich zu verlassen und sämtliche Daten löschen zu lassen. Die Versicherung läuft dann ohne Telematik weiter.

Hilfe fürs optimale Fahren. Die App der HUK-COBURG ist das wichtigste Tool für den Telematik-Kunden, um sein Fahrverhalten einschätzen zu können. (Foto: HUK-COBURG)
Hilfe fürs optimale Fahren. Die App der HUK-COBURG ist das wichtigste Tool für den Telematik-Kunden, um sein Fahrverhalten einschätzen zu können.
(Foto: HUK-COBURG)

HUK-COBURG

Die HUK-COBURG wurde 1933 als Haftpflicht-Unterstützungs-Kasse kraftfahrender Beamter Deutschlands e. V. gegründet. Heute zählt sie zu den zehn größten Versicherern in Deutschland. Zur Unternehmensgruppe gehören fünf Schaden- und Unfallversicherer, zwei Lebensversicherer, zwei private Krankenversicherer und eine Servicegesellschaft. Der Konzern beschäftigt rund 10.400 Mitarbeiter. Die Kraftfahrtversicherung spielt im Unternehmen eine dominierende Rolle. Dort verzeichnete die HUK-COBURG 2018 einen Bestandszuwachs um 2,7 Prozent auf über zwölf Mil­lionen versicherte Fahrzeuge. Die Beitragseinnahmen stiegen sogar um 4,7 Prozent auf über 4,1 Milliarden Euro.


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