Jubiläumsfeier 34 Jahre AfW: Die Branche rückt zusammen
Krummer Geburtstag, rundes Fest: Warum Vermittlerinnen und Vermittler in Zeiten von Regulierung, KI, Cyberrisiken und neuer Kundenansprache eine starke Interessenvertretung brauchen.

(Foto: AfW)
Kleine Geste, starkes Symbol.
Die Szene im geschichtsträchtigen Colosseum Filmtheater am Prenzlauer Berg hatte Symbolcharakter: In der Pause zwischen zwei Programmpunkten der Jubiläumsfeier „34 Jahre AfW“ beglückten die Vorstände des Vermittlerverbands Frank Rottenbacher und Norman Wirth die anwesenden Gäste persönlich mit Popcorn und Eis – stilecht mit Bauchladen ging es durch die Reihen des Kinosaals 10. Die kleine Geste passte nicht nur zur Location, sie passte zum Jubilar: Der AfW Bundesverband Finanzdienstleistung möchte kein Funktionärsbetrieb sein, der abgehoben über der Branche schwebt, sondern Dienstleister für seine Mitglieder: eine politische Interessenvertretung mit fachlichem Know-how und einem starken Netzwerk.
Blick nach vorn.
Vermittlerinnen und Vermittler, Vertreter von Verbänden, Maklerpools, Ratingagenturen und Versicherern: Rund 300 Gäste folgten Mitte Juni der Einladung des Lobbyverbands nach Berlin. Wer allerdings auf einen nostalgischen Branchenabend gehofft hatte, wurde enttäuscht. Nicht nur auf der Kinoleinwand prangte in fetten Lettern das Veranstaltungsmotto: „Wir feiern das Heute. Und gestalten das Morgen.“ Auch wenn die Erfolge aus 34 Jahren Verbandsarbeit beachtlich sind: „Wir wollen nicht lange in den Rückspiegel schauen, sondern den Blick nach vorn richten“, gab Rottenbacher gleich zu Beginn der Veranstaltung die Richtung vor. Ob Cybersecurity, Künstliche Intelligenz, Social Media, Altersvorsorgedepot, Regulatorik, Nachwuchs, Image der Vermittler oder die Zusammenarbeit der verschiedenen Verbände: In der Branche werden viele Themen heiß diskutiert – und alle waren auf der Jubiläumsparty in Vorträgen, Panels und bei den vielen Network-Gelegenheiten präsent.
Starke Statements.
Dass der AfW ausgerechnet den 34. Geburtstag groß begeht, ist kein Zufall. „Paragraf 34 Gewerbeordnung prägt unsere Branche wie kein anderer Paragraf. Für uns ist die 34 deshalb mehr als eine Zahl – sie ist Identität. Dieses Jubiläum gehört allen, die unabhängige Beratung möglich machen“, sagt AfW-Vorständin Franziska Geusen. Hieraus leitet der Verband auch seine Kampagne „STATEMENTS“ ab. Sie soll der Branchen-Initiative #DIE34ER neue Schubkraft verleihen. „Wir wollen der unabhängigen Beratung mehr Sichtbarkeit geben, ihr Image stärken und die Menschen in den Fokus rücken, die hinter dem Berufsstand stehen“, erläutert Geusen, die selbst als Maklerin an vorderster Front steht. Gleichzeitig gehe es darum, die „Jüngeren, die digital Affinen, die Modernen und die auch immer weiblicher werdende Vermittlerschaft“ mitzunehmen. „Die Kampagne lädt alle ein, Teil der Bewegung zu werden und ein Zeichen für die Zukunft der Finanz- und Versicherungsberatung zu setzen“, sagt Geusen.
Offensiv kommunizieren.
Aus gutem Grund: Die Branche, so der AfW, kämpft gegen eine verzerrte Wirklichkeit und viele Vorurteile: Versicherer leisten nicht, Vermittler denken zuerst an die eigene Provision, und Beratung ist mehr Vertrieb als Verbraucherschutz. „Wir wissen alle: Das ist Blödsinn“, sagt Bastian Kunkel. Der Gründer von „Versicherungen mit Kopf“, Bestsellerautor und Kolumnist beim FOCUS MONEY-Versicherungsprofi gehört zu den prominenten Gesichtern der #DIE34ER und appelliert an seine Branche, mutig in die Offensive zu gehen: „Lasst uns endlich anfangen, die Geschichten zu erzählen, die bisher niemand erzählt, die aber die echte Realität widerspiegeln.“ Haltung zeigen und für Positionen einstehen – das gehört von Anfang an zur DNA des AfW. Der Verband wurde gegründet, weil unabhängige Vermittler eine starke Stimme brauchen. „Eine Stimme, die einordnet, die auch einmal kritisiert, die aber vor allem für Vermittlerinnen und Vermittler kämpft und die Zukunft mitgestaltet“, sagt der Geschäftsführende Vorstand Wirth.
Gemeinsam stark.
Im Verbund geht’s besser. „Politisch lässt sich in Berlin und Brüssel mehr durchsetzen, wenn die verschiedenen Organisationen der Vermittlerverbände zusammenarbeiten“, sagt AfW-Vorstand Frank Rottenbacher. Der gelegentliche Eindruck, dass jeder sein eigenes Süppchen koche, sei falsch. Rottenbacher: „Hinter den Kulissen arbeiten wir Verbände viel enger zusammen, als es durch Pressemeldungen deutlich wird.“
Das untermauerte der AfW bei seiner Geburtstagssause auch auf offener Bühne. Im Panel „Branche im Dialog“ diskutierten Julie Schellack vom Bundesverband Deutscher Versicherungsmakler, Dr. Helge Lach vom Bundesverband Deutscher Vermögensberater, Martin Klein vom Votum-Verband, Kai Schulze vom BVI und Norman Wirth für den Gastgeber über die Zukunft der Finanz- und Versicherungsvermittlung. Frank Rottenbacher moderierte die Runde – und schnell wurde klar, dass bei zentralen Themen wie Datenschutz, Vergütungssysteme, Regulatorik, Digitalisierung und Künstliche Intelligenz oder Altersvorsorge die Interessen der Verbände dicht beieinander liegen: „Wir haben dieselben Ziele und sind uns bei vielen Themen zu fast 100 Prozent einig“, sagt Wirth. Und das ist gut so, denn sichtbarer Dissens schwächt die Branche.

(Foto: AfW)
Beratung ist kein Störfaktor.
Worum es vor allem bei der Zusammenarbeit geht, zeigte sich beim Thema Altersvorsorge. Die Panelisten waren sich einig: In Berlin und Brüssel wächst eine gefährliche Erzählung. Beratung sei vor allem ein Kostenfaktor. Sie verteuere Produkte, schmälere Renditen – und könne deshalb bei einfachen digitalen Lösungen entfallen. BDVM-Vizepräsidentin Julie Schellack widersprach dieser Logik vehement: „Wir bekommen mehr Produkte, dadurch wächst auch der Beratungsaufwand.“ Entscheidend sei, vorher zu klären, wo Kunden überhaupt Lücken haben. „Das verrutschte Bild von dem Berater, der immer nur auf seinen Profit achtet, muss endlich geradegerückt werden.“
In die gleiche Kerbe schlug der BDV-Vorstandsvorsitzende Helge Lach. Er schilderte eine Anhörung im Finanzausschuss des Bundestags zum Altersvorsorgereformgesetz. Dort habe er erklärt, dass es bei Geringverdienern zunächst oft darum gehe, gemeinsam die Haushaltsausgaben durchzugehen und „mühsam vielleicht 50 oder 70 Euro im Monat“ für Altersvorsorge freizusetzen. „Da wurde ich ausgelacht“, sagte Lach. Sein Fazit: „Viele Politiker haben überhaupt kein Bild davon, was wir täglich da draußen machen.“
Wer Beratung streicht, streicht Orientierung.
Tatsächlich ist professionelle Beratung gerade beim geplanten Altersvorsorgedepot wichtiger denn je. „Wir sind weg von der 100-Prozent-Garantie“, sagt Kai Schulze vom BVI. Das sei vor wenigen Jahren noch undenkbar gewesen. Mehr Kapitalmarktorientierung, weniger starre Garantien, die Einbeziehung Selbstständiger ins System, einfachere Förderung: Die Reform bietet Vermittlerinnen und Vermittlern gute Chancen, sagt Schulze. Das neue Produkt könne ein Anlass sein, wieder aktiv auf Kundinnen und Kunden zuzugehen und Altersvorsorge zu erklären.
Doch die Vermittlerschaft muss sich wappnen. Konkurrenz droht etwa von Neobrokern, die mit einfachen digitalen Lösungen vorpreschen und versuchen, das Feld zu besetzen. Für die Kunden kann sich das rächen. So warnt Martin Klein vor der Illusion, dass digitale Abschlussstrecken die Komplexität der Altersvorsorge einfach auflösen. Sein Beispiel: Ein Kunde zahlt fünf Jahre in ein Altersvorsorgeprodukt ein, lässt sich scheiden, und plötzlich muss ein Versorgungsausgleich organisiert werden. Der Vertrag sei aufzuteilen, Zulagen müssten rückwirkend und künftig korrekt zugeordnet werden. „Viel Spaß“, kommentierte der VOTUM-Geschäftsführer trocken.
Erfolgreich Einfluss nehmen.
BDV-Chef Lach bremste ebenfalls überzogene Erwartungen. Viele Details seien noch offen: Vergütungsfragen, Regularien, Schnittstellen zur Zulagenstelle. „Wir haben noch keine Ausführungsbestimmungen zum Gesetz. Viele Fragen kann die Politik überhaupt noch nicht beantworten.“ Als starke Stimme der unabhängigen Vermittler versucht der AfW seit 34 Jahren zu Themen wie diesem Einfluss zu nehmen. Seine Aufgabe ist es, die Interessen eines Berufsstands zu bündeln, der selbst oft zu wenig Zeit hat, seine Anliegen politisch sichtbar zu machen. Ohne organisierte Interessenvertretung wird über Vermittler gesprochen. Mit organisierter Interessenvertretung sprechen Vermittler mit.

(Foto: AfW)
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