04.06.2021 Branche

Barmer-Zahnreport: Kreidezähne durch Antibiotika?

Bestimmte Antibiotika könnten Experten zufolge eine der lange gesuchten Ursachen sogenannter Kreidezähne bei Kindern sein. Inzwischen seien ungefähr acht Prozent aller Sechs- bis Zwölfjährigen betroffen.

Unangenehmer Besuch: Laut Zahnreport der Barmer-Krankenkasse haben mindestens 450.000 Kinder in Deutschland Kreidezähne. (Foto: zinkevych - Fotolia)
Unangenehmer Besuch: Laut Zahnreport der Barmer-Krankenkasse haben mindestens 450.000 Kinder in Deutschland Kreidezähne.
(Foto: zinkevych - Fotolia)

Stark verfärbt, überempfindlich und extrem porös: Mindestens 450.000 Kinder zwischen sechs und zwölf Jahren in Deutschland leiden unter sogenannten Kreidezähnen. Das geht aus dem aktuellen Zahnreport der Barmer hervor. Den Ergebnissen zufolge gibt es hier einen erkennbaren Zusammenhang zwischen Medikamenten und der Molaren-Inzisiven-Hypomineralisation (medizinischer Begriff für Kreidezähne). „Kinder leiden häufiger unter Kreidezähnen, wenn sie in den ersten vier Lebensjahren bestimmte Antibiotika erhalten haben", sagt Prof.  Dr. Christoph Straub, Vorstandsvorsitzender der Barmer. Vor diesem Hintergrund müsse erneut auf deren verantwortungsvollen und indikationsgerechten Einsatz hingewiesen werden. „Antibiotika sind ohne jeden Zweifel segensreich. Doch die Prämisse lautet auch hier, so viel wie nötig und so wenig wie möglich.”  Das Tückische: Regelmäßiges Zähneputzen kann Kreidezähne nicht verhindern, da die Zähne bereits geschädigt durchbrechen. Für Eltern bedeutet das: Eine Prävention ist nahezu unmöglich, sie haben nichts falsch gemacht.

Weniger Antibiotika für gesündere Zähnchen?

 

Um der Ursache der porösen Zähnchen auf die Schliche zu kommen, haben Wissenschaftler im Rahmen des Zahnreports unterschiedliche Gruppen von Medikamentenverordnungen bei Kindern mit und ohne Kreidezähnen untersucht. Dabei seien auch unterschiedliche Antibiotika geprüft worden, die etwa bei Atem- oder Harnwegsinfekten zum Einsatz kämen. Hier zeige sich, dass Kinder mit Kreidezähnen in den ersten vier Lebensjahren häufig angewendete Antibiotika bis zu etwa zehn Prozent mehr verschrieben bekämen als Gleichaltrige ohne Kreidezähne. „Die Verordnung von Antibiotika steht in einem erkennbaren Zusammenhang mit dem Auftreten von Kreidezähnen. Allerdings ist noch unklar, wie dieses Zusammenwirken genau funktioniert. Hier sind weitere Untersuchungen erforderlich”, so Straub. Bei der Antibiotikavergabe sei man bereits auf einem guten Weg. So habe sich die verordnete Antibiotikagabe bei Kindern bis fünf Jahren zwischen den Jahren 2005 und 2019 mehr als halbiert. Im vergangenen Jahr sei die Menge noch einmal deutlich gesunken, wohl auch deswegen, weil die Abstands- und Hygieneregeln während der Corona-Pandemie zu weniger sonstigen Infektionen geführt hätten.

Mädchen haben häufiger Kreidezähne als Jungen

 

Neben der Ursachenforschung wurde eine Bestandsaufnahme zum Phänomen der Kreidezähne gemacht. Betroffen sind demnach häufiger Mädchen als Jungen. Zwischen den Jahren 2012 bis 2019 hatten 9,1 Prozent der Mädchen und 7,6 Prozent der Jungen eine so schwere Form der Kreidezähne, dass sie in zahnärztlicher Behandlung waren. Darüber hinaus bekommen Kinder vergleichsweise selten Kreidezähne, wenn die Mutter zum Zeitpunkt der Geburt noch sehr jung oder schon älter als 40 Jahre alt war. „Wir haben in unseren Analysen verschiedene Zusammenhänge gefunden. Die zugrundeliegenden Mechanismen und Kausalitäten können mit Abrechnungsdaten allein allerdings nicht aufgeklärt werden. Dazu bedarf es weiterer Forschung. In Kenntnis der Ursachen könnten zukünftig dann auch endlich präventive Maßnahmen möglich werden”, sagt Prof.  Dr. Michael Walter, Autor des Barmer-Zahnreports und Direktor der Poliklinik für Zahnärztliche Prothetik an der Medizinischen Fakultät Carl Gustav Carus der Technischen Universität Dresden.

Sag mir wo du wohnst und ich sage dir, wie deine Zähne sind

 

Beim Auftreten der Kreidezähnen gibt es nicht nur soziodemographische, sondern auch große regionale Unterschiede. Bundesweit schwanken die Betroffenenraten bei Kindern auf Stadt- und Kreisebene demnach zwischen drei und 15 Prozent. Auch auf Bundeslandebene sind die Unterschiede noch beträchtlich. Sie reichen von 5,5 Prozent in Hamburg bis hin zu 10,2 Prozent in Nordrhein-Westfalen. Die deutlichen regionalen Unterschiede könne man noch nicht plausibel erklären, so Walter.


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