Sie sind Treuhänder, Produktexperten und Ratgeber – ohne die Vermittler geht nichts in der Finanz- und Versicherungswirtschaft. Sie leben von ihren Kundenbeziehungen, kümmern sich um den persönlichen Kontakt und sorgen für das nötige Vertrauen. VP-Online stellt unabhängige Makler, Mehrfachagenten und Spezialisten an dieser Stelle vor und gibt dieser wichtigen Berufsgruppe eine Stimme.

30.04.2020 MenschMakler

Foto: © AfW Bundesverband Finanzdienstleistung

Ich kann im Beruf mein eigenes Werte­­system leben

Andrea Irmscher: Die Finanz- und Versicherungsspezialistin aus Velten pflegt gegen den Markttrend ihr Image als unabhängige Einzelkämpferin. Ihre Stärke sind sehr persönliche und langfristige Kundenbeziehungen. Von den Versicherern wünscht sie sich eine bessere Erreichbarkeit und deutlich kürzere Reaktionszeiten.

Was wären Sie geworden, wenn nicht Maklerin?

Ich habe mich immer sehr für Medizin interessiert und hätte mir auch gut vorstellen können, Ärztin zu werden. Tatsächlich habe ich mich dann für einen Berufsstart in der Finanzwirtschaft entschieden und meine Ausbildung zur Bankkauffrau gemacht. Den Weg zur Finanz- und Versicherungsmaklerin schlug ich aber erst 17 Jahre später ein.

Wie ist ihr Unternehmen entstanden und gewachsen?

Nach guter Karriere in der Bank habe ich den Sprung in die Selbständigkeit gewagt. Im Versicherungsbereich arbeitete ich dann zunächst mit nur einem Versicherungsunternehmen, im Finanzierungsbereich von Anbeginn jedoch unabhängig. Viele meiner Bekannten und Freunde haben sich bereits in meiner Bankzeit von mir beraten lassen und taten das dann auch weiterhin. Über qualifizierte Empfehlungen durch meine Kunden ist mein Unternehmen dann ganz kontinuierlich und stabil gewachsen. Vor rund zehn Jahren habe ich mein Geschäftsmodell dann noch einmal verändert und mich auch im Versicherungsbereich völlig unabhängig von einzelnen Unternehmen gemacht und als freier Makler etabliert. Ich arbeite ohne Angestellte, was natürlich auch eine Begrenzung meiner Kapazitäten und Wachstumsmöglichkeiten bedeutet.

Was war im Beruf bisher ihr größter Erfolg?

Hätten Sie mich das vor 30 Jahren gefragt, hätte ich sicherlich Karriere- und Gehaltssprünge sowie große Geschäftsabschlüsse als Erfolg beschrieben. Heute nach 35 Berufsjahren sehe ich das anders. Als meinen größten beruflichen Erfolg empfinde ich die Tatsache, dass ich mein eigenes Wertesystem auch im Beruf leben kann. Ich habe die Freiheit, meine geschäftlichen Entscheidungen unabhängig von irgendwelchen Zielvorgaben einer Bank oder einer Versicherung zu treffen. Ich bin nur meinen Kunden verpflichtet. Natürlich bin ich auch stolz darauf, dass ich rund 98 Prozent meiner Kunden helfen konnte, ihren Wunsch nach den eigenen vier Wänden umzusetzen.

Warum arbeiten Sie mit einem Maklerpool zusammen?

Ich kann für meine Kunden auf die Tarifangebote von fast allen Anbietern am Markt zugreifen, ohne dass ich mit jedem einzelnen Versicherer eine individuelle Kooperationsvereinbarung schließen muss. Mir erleichtert die Abwicklung über einen Pool meine eigene Administration erheblich und zu guter Letzt ergeben sich daraus auch Netzwerke zu Kollegen. Das ermöglicht einen fachlichen Austausch, der mir als „Einzelkämpfer“ sonst eher weniger möglich, aber sehr wertvoll ist.

Für meinen Job braucht man die Fähigkeit und den Wunsch mit unterschiedlichsten Menschen umzugehen und ein gutes Fachwissen. Starke Nerven schaden bei dem ganzen Regulierung- und Bürokratisierungswahnsinn aber auch nicht.

Andrea Irmscher

Wie stark haben Sie ihre Arbeit digitalisiert und was haben sie noch vor?

Zentrales Erfolgsinstrument meines Geschäftsmodells ist der sehr persönliche Kontakt zu meinen Kunden und das Entwickeln ganz individueller Lösungen. Das ist durch Bits und Bytes nicht zu ersetzen. Digitalisierung ist für mich ein Instrument, Verwaltungsabläufe zu erleichtern und natürlich auch überwiegend für den Prozess der Angebotsvergleiche hilfreich. Der nächste Schritt ist jetzt meine Kunden- und Vertragsverwaltung weiter zu digitalisieren.

Welche bürokratischen Rahmenbedingungen würden Sie gerne ändern?

In Europa und insbesondere in Deutschland sind wir dabei uns tot-zu regulieren. Darunter leiden insbesondere kleinere Unternehmen und mit ihnen ihre Kunden. Immer mehr kleinere unabhängige Finanzberater werden in Folge davon sogar ganz vom Markt verschwinden. Das finde ich schlecht. An dieser Stelle verkehrt sich Verbraucherschutz ins Gegenteil.

In welchen Sparten versprechen Sie sich in der Zukunft das meiste Geschäft?

Ich glaube, dass Immobilienfinanzierungen und Absicherung des Einkommens weiterhin ein großer Bestandteil meiner Tätigkeit sein wird. Aufgrund der Rahmenbedingungen denke ich, dass das Thema Pflegeabsicherung und Vorsorgevollmacht/ Patientenverfügung mehr Raum einnehmen wird als bisher.

Was sollte sich auf Seiten der Versicherungswirtschaft in der Zusammenarbeit mit Vermittlern dringend ändern?

Ich nehme in den vergangenen ein bis zwei Jahren eine zunehmend schlechter werdende Erreichbarkeit, immer längere Zeiten in den Warteschleifen und extrem lange Reaktionszeiten auf Emails (oftmals mehrere Wochen) bei den meisten Versicherern wahr. Das erschwert unsere Arbeit deutlich und geht zu Lasten der Kunden. Hier braucht es dringend erhebliche Verbesserungen.

Welche Nachricht würden sie gerne einmal über sich lesen?

Ehemalige Wasserretterin hat nichts verlernt und rettet Kind vor dem Ertrinken.

Vita:

  • Geboren: 1966
  • 1985-1988: Ausbildung zur Bankkauffrau, Sparkasse der Stadt Berlin West
  • 1988-1991: Privat- und Firmenkundenbeaterin, Sparkasse der Stadt Berlin West
  • 1990-1991: Studium Bankbetriebswirtschaft, Sparkassenakademie Hannover
  • 1992-2002: Filial- und Abteilungsleiterin, Landesbank Berlin
  • seit 2002: Finanz-u.Versicherungsspezialistin mit Zulassungen nach §§ 34 c, d, f, i GewO
  • seit 2004: Vertriebs- und Fachtrainingsdozentin; Fachberater für Finanzdienstleistungen (IHK)
  • Vorsitzende: IHK-Prüfungsausschuss "Finanzanlagenfachmann" und "Immobiliardarlehensvermittler"
Das Unternehmen online

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