Kolumne 01.04.2026 Vermittlerwelt

So wird Regulierung nicht zum Showstopper

Mehr Tempo, mehr Service, mehr Innovation versus Jobverlust, Datenmissbrauch und Cyber-Kriminalität: Künstliche Intelligenz ist auch in der Assekuranz Top-Thema. In unserer KI-Kolumne PROMPT! beziehen Experten und Entscheider Stellung. Heute: Simon Moser, CEO des Berliner Start-ups Muffintech.

Simon Moser ist Mitgründer und CEO des Insurtechs Muffintech. Der 33-Jährige kennt die Branche schon aus der Studienzeit, während der er nebenbei als Versicherungsmakler arbeitete. In seiner Zeit als Unternehmensberater bei Capgemini und in Führungsrollen in Start-ups fokussierte er sich auf Innovation und Prozessoptimierung. (Foto: Muffintech)
Simon Moser ist Mitgründer und CEO des Insurtechs Muffintech. Der 33-Jährige kennt die Branche schon aus der Studienzeit, während der er nebenbei als Versicherungsmakler arbeitete. In seiner Zeit als Unternehmensberater bei Capgemini und in Führungsrollen in Start-ups fokussierte er sich auf Innovation und Prozessoptimierung.
(Foto: Muffintech)

Die Börse hat den Ernst der Lage schnell verstanden. Als Insurify im Februar seine ChatGPT-App für Versicherungsvergleiche startete, gerieten US-Versicherungsbroker deutlich unter Druck. Märkte übertreiben gern. Aber die Reaktion war ein Warnsignal. OpenAI hat Apps in ChatGPT geöffnet und mit Shopping Research sowie direkter Abschlussmöglichkeit den nächsten Plattformschritt im digitalen Vertrieb längst begonnen. Wer glaubt, die Kundenschnittstelle der Versicherungsbranche bleibe davon unberührt, unterschätzt die Dynamik.

Schutz schafft Vertrauen

 

Eine wichtige Rolle spielt in diesem Zusammenhang die Regulierung. Versicherungen verarbeiten sensible Daten und treffen Entscheidungen, die reale Folgen für Preise, Zugänge und Absicherung haben. Die KI-Verordnung stuft Systeme zur Risiko- und Preisbewertung in der Lebens- und Krankenversicherung daher nicht zufällig als Hochrisiko ein. Transparenz bei Chatbots, menschliche Aufsicht, belastbare Datenqualität und nachvollziehbare Dokumentation sind keine Schikane. Sie sind die Voraussetzung dafür, dass Vertrauen in diese Technologie überhaupt entstehen kann. Das ist die starke Seite der Regulierung: Sie schützt Kunden vor intransparenten Entscheidungen in sensiblen Sparten und setzt Leitplanken für verantwortungsvollen Einsatz.

Achtung Labyrinth!

 

Dabei macht die Aufsicht EIOPA klar, dass KI in der Assekuranz nicht im luftleeren Raum stattfindet. Neben dem AI Act gelten sektorale Anforderungen aus dem Versicherungsrecht weiter, etwa aus IDD und Solvency II. Genau dort beginnt aber das eigentliche Problem: EIOPA weist selbst darauf hin, dass die Versicherungsregeln unabhängig von der Einstufung in der KI-VO für sich stehen.

Das ist die starke Seite der Regulierung: Sie schützt Kunden vor intransparenten Entscheidungen in sensiblen Sparten und setzt Leitplanken für verantwortungsvollen Einsatz.

Simon Moser

Der Bundesverband Finanzdienstleistung AfW warnt deshalb zu Recht vor unkoordinierten Mehrfachprüfungen, weil zur KI-VO parallel Datenschutz und bestehende Aufsichtssysteme kommen. Wer diese Ebenen nicht sauber aufeinander abstimmt, schafft ein juristisches Labyrinth. Gerade für Vermittler ist das relevant. Laut AfW benötigt mehr als die Hälfte Unterstützung bei den rechtlichen Rahmenbedingungen. Die Branche scheitert derzeit also weniger an mangelnder Fantasie als an Unsicherheit, Komplexität und Umsetzungsaufwand.

Richtig unterscheiden

 

Dabei ist der Markt längst in Bewegung. Fast zwei Drittel der europäischen Versicherer nutzen generative KI, die meisten allerdings noch im Pilotstadium. Klar ist: Wenn Europa aus jedem Pilotprojekt sofort ein umfassendes Complianceprojekt macht, bleiben viele Unternehmen dauerhaft im Versuchsstadium, während Plattformen und datenstarke Anbieter die Kundenschnittstelle schon neu ordnen.

Dass die EU-Kommission inzwischen selbst gezielte Vereinfachungen für Teile der KI-Verordnung vorschlägt, ist deshalb kein Nebenschauplatz. Es ist ein Eingeständnis, dass Regulierung ohne Proportionalität zum Wachstumshemmnis werden kann. Sie wird dann zum Showstopper, wenn sie nicht mehr unterscheidet: Wer KI in der Lebens- oder Krankenversicherung für Risiko- und Preisentscheidungen nutzt, muss strenge Anforderungen erfüllen. Wer generative KI für Zusammenfassungen, Textentwürfe oder zur Ideenfindung einsetzt, braucht ebenfalls klare Regeln – sie müssen aber verhältnismäßig sein. Genau darin liegt jetzt die Aufgabe für Aufsicht und Branche: weniger Pauschalverdacht, mehr Risikodifferenzierung.


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