Wenn Modelle austauschbar werden, zählen die Daten
Mehr Tempo, mehr Service, mehr Innovation versus Jobverlust, Datenmissbrauch und Cyber-Kriminalität: Künstliche Intelligenz ist auch in der Assekuranz Top-Thema. In unserer KI-Kolumne PROMPT! beziehen Experten und Entscheider Stellung. Heute: Simon Moser, CEO des Berliner Start-ups Muffintech.

(Foto: Muffintech)
Das Tempo, mit dem sich die KI-Welt verändert, ist atemberaubend: Anthropic hat mit dem Project Glasswing gezeigt, dass ein KI-Modell Sicherheitslücken findet, die 27 Jahre lang jeder menschlichen Prüfung standgehalten haben. Über zehntausend kritische Schwachstellen in wenigen Wochen. Und agentische KI, vor einem Jahr noch Topthema auf jeder Zukunftskonferenz, erledigt heute selbstständig Aufgaben über Stunden hinweg. Die Frage aber bleibt: Welche Rolle spielt Europa in diesem Rennen noch?
Welthandel, neu verdrahtet
Eine Allianz Trade-Studie liefert die nüchterne Antwort: Der Handel mit KI-relevanten Gütern hat sich binnen zehn Jahren auf 3,8 Billionen US-Dollar fast vervierfacht und macht bereits 15 Prozent des globalen Warenhandels aus. Die Wertschöpfung konzentriert sich auf die USA, Taiwan, Südkorea und China. Die Rechenzentrumskapazität erreicht nur ein Viertel der amerikanischen. Allianz Trade warnt, Europa drohe vom Industriestandort zum digitalen Mieter zu werden.
Beim Wettlauf um Chips und Rechenzentren ist das Rennen für Europa realistisch betrachtet gelaufen. Wer daraus aber ableitet, Europa habe verloren, zieht den falschen Schluss. Ein Blick in die Lieferkette zeigt, wie sehr der gesamte KI-Boom weiterhin an europäischen Schlüsselkomponenten hängt. Nvidia entwirft die begehrtesten Chips der Welt, gefertigt werden sie bei TSMC in Taiwan. TSMC wiederum kann die modernsten Strukturen nur belichten, weil ASML aus den Niederlanden als einziges Unternehmen weltweit EUV-Lithografiemaschinen baut. Und mit den präzisesten Spiegeln, die je gefertigt wurden, kommt das optische Herzstück dieser Maschinen von Carl Zeiss aus Baden-Württemberg. Ohne schwäbische Optik kein taiwanesischer Chip, ohne taiwanesischen Chip kein amerikanisches Rechenzentrum. Abhängigkeit ist in dieser Wertschöpfungskette keine Einbahnstraße. Europa besitzt an entscheidenden Stellen echte Verhandlungsmacht und sollte sie auch so begreifen.
Daten, der eigentliche Wert
Gleichzeitig werden Modelle selbst austauschbar. Open-Source-Modelle wie DeepSeek, Qwen oder Kimi liegen in Sachen Leistungsfähigkeit nur noch wenige Punkte hinter geschlossenen Spitzenmodellen, kosten einen Bruchteil und stehen unter freien Lizenzen zum Download bereit. Wenn aber jeder Zugang hat, verschiebt sich der Wettbewerb dorthin, wo es keine Abkürzung gibt: zu den Daten. Wer saubere, strukturierte, maschinenlesbare Bestands- und Vertragsdaten hat und die Hoheit darüber behält, kann darauf eine KI-Orchestrierung bauen, die Modelle flexibel austauscht und trotzdem konsistente Ergebnisse liefert. Wer seine Datenschicht dagegen an fremde Plattformen abgibt, kauft sich kurzfristig Komfort und verliert langfristig genau das Asset, das den Unterschied macht. Gerade die Versicherungswirtschaft sitzt auf einem Datenschatz, um den uns jedes Tech-Unternehmen beneidet. Diese Datensouveränität zu verteidigen ist die Grundlage des Geschäftsmodells von morgen.
Fazit für die Praxis
Wir sollten aufhören, dem Modell-Rennen hinterherzutrauern.Versicherer und Vertriebe sollten jetzt in Datenqualität, Standards und Schnittstellen investieren, um morgen die Anforderngen für jedes Modell zu erfüllen – ob aus den USA, aus China oder doch aus Europa. Die Modelle werden kommen und gehen. Die Daten und die Fähigkeit, sie souverän zu nutzen, bleiben. Genau dort kann Europa gewinnen, wenn wir dieses Mal schnell genug sind.
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