07.01.2020 Recht | Ratgeber

Vollkaskoversicherung: Unfallhergang muss nicht bewiesen werden

Ein Versicherungsnehmer muss einen Unfallhergang nicht bis ins kleinste Detail darlegen und beweisen, so VP-Experte Norman Wirth. Sofern ein Unfall dem Grunde nach vorliegt, greift die Vollkaskoversicherung.

Experte in Sachen Versicherungsrecht: Rechtsanwalt Norman Wirth von der Berliner Kanzlei Wirth Rechtsanwälte (www.wirth-rae.de) (Foto: Wirth-Rechtsanwälte)
Experte in Sachen Versicherungsrecht: Rechtsanwalt Norman Wirth von der Berliner Kanzlei Wirth Rechtsanwälte (www.wirth-rae.de)
(Foto: Wirth-Rechtsanwälte)

Der Sachverhalt.

Ein Kfz-Halter hatte sein Automatikfahrzeug vor einer Toreinfahrt abgestellt und war ausgestiegen. Aus unbekannten Gründen setzte sich das Fahrzeug allerdings in Bewegung, obwohl niemand am Steuer gesessen habe. Beim Versuch das Fahrzeug zu stoppen, trat der Kläger versehentlich auf das Gaspedal anstatt auf die Bremse. Das Fahrzeug prallte dann gegen die Toreinfahrt und den Torpfeiler und wurde dadurch stark beschädigt.

Der Rechtsstreit.

Den Schaden wollte der Versicherte von seiner Vollkaskoversicherung ersetzt haben. Die Versicherung glaubte ihrem Kunden die Schilderung des Sachverhalts aber nicht und verweigerte die Zahlung. Sie berief sich darauf, dass der Versicherte den Versicherungsfall nicht ausreichend nachgewiesen habe. Dagegen klagte der Mann. Das erstinstanzliche Gericht gab der Versicherung zunächst Recht, im Berufungsverfahren vor dem Oberlandesgericht Braunschweig aber siegte dann doch der Kläger (Az. 11 U 74/17). Die Versicherung muss die Reparaturkosten erstatten.

Die Entscheidung.

Der Kläger stützte seine Berufung vor allem darauf, dass das Landgericht kein unfallanalytisches Gutachten eingeholt und keine Zeugen gehört hatte. Das OLG hingegen hörte den Kläger an und beauftragte auch ein unfallanalytisches Gutachten. Dieses bestätigte dann, dass die Beschädigungen am Fahrzeug zum geschilderten Hergang passen. Die Schilderung des Klägers wies ebenfalls keine Unstimmigkeiten auf. Auch die Zeugen konnten den Unfallhergang nachvollziehbar schildern. Zwar konnte der Kläger nicht erklären, weshalb das Fahrzeug sich eigenständig in Bewegung gesetzt hatte – aber das musste er auch nicht. Denn soweit der Unfallbegriff erfüllt ist, bedürfe es keiner überspannten Anforderungen an den Hergang, so die Begründung des OLG. Im Übrigen lagen auch keine Anhaltspunkte dafür vor, dass der Versicherte den Unfall vorsätzlich herbeigeführt hatte. Ohnehin wäre dann der Versicherer beweispflichtig gewesen. Auch war der Einwand der groben Fahrlässigkeit hier nicht einschlägig, sodass der Klage stattgegeben wurde.

Der praktische Hinweis.

In gewisser Weise liegt hier eine Beweiserleichterung für den Eintritt des Versicherungsfalls vor. Bisweilen ist es dem Versicherungsnehmer nämlich gar nicht möglich, den genauen Hergang nachzuweisen. Aber das muss er laut Rechtsprechung auch nicht. Es reicht aus, wenn der Schaden, wie vorliegend auch, nur durch einen Unfall eingetreten sein kann. Denn diese Gefahr ist im Rahmen der Vollkaskoversicherung abgedeckt und somit durch den Versicherer zu regulieren. Es empfiehlt sich daher, nicht nur ablehnende Entscheidungen des Versicherers infrage zu stellen, sondern auch Urteile überprüfen zu lassen.


Weitere Artikel

Listing

05.10.2021 Recht | Ratgeber

EU-Staaten dürfen Pflicht­versicherung in der Kfz-Haftpflicht vorschreiben

Anhänger mit wechselnden in- und ausländischen Zugmaschinen sind auf deutschen Straßen nicht ungewöhnlich. Der BGH hat nun in Sachen Doppelversicherung und Innenausgleich Klarheit geschaffen, berichtet VP-Rechtsexperte Dr. Markus Weyer.

> weiterlesen
Listing

21.09.2021 Recht | Ratgeber

Vertrauen gebrochen – und selbst schuld?
 

Ein wichtiger Fall für unsere zwei Experten Schyma und Krohn: Immer öfter verweigern die Versicherer in der Vertrauensschadenversicherung die Leistung, wenn Mitarbeiter kriminell werden. Die Begründung: „Ihr hättet eben besser aufpassen müssen.“ Das darf keine Schule mache.

> weiterlesen
Listing

07.09.2021 Recht | Ratgeber

BU-Versicherung: Renten­erhöhung auch nach Unfall noch möglich

Der sogenannte Sechsmonatszeitraum ist maßgeblich für die Leistung einer BU-Versicherung, berichtet VP-Experte Norman Wirth. Das gilt laut BGH auch bei einer in den Bedingungen nicht klar definierten rückschauenden Betrachtung.

> weiterlesen