Elementarschäden: Bewegung in der Debatte
Trotz zahlreicher neuer Hochwasserereignisse ist die Diskussion um eine Pflichtversicherung gegen Elementarschäden festgefahren. Einige Experten äußern sich dazu positiv – und auch einzelne Versicherer sind nicht (mehr) ganz auf GDV-Linie.

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Meist sind es ja die üblichen Verdächtigen, die sich bei einer Diskussion auf die eine oder andere Seite schlagen. So überrascht es nicht, dass Verbraucherschützer eine Pflichtversicherung gegen Elementarschäden befürwortet. Zu den Befürwortern einer Pflichtversicherung zählen auch Deutschlands Ministerpräsidenten, die sich an Bundesjustizminister Marco Buschmann (FDP) die Zähne ausbeißen. Auch die Bürger sprachen sich in einer Umfrage des Mannheimer ZEW zu mehr als zwei Dritteln für einen obligatorischen Schutz aus. Der Bund der Versicherten kann sich eine über einen Zuschlag zur Grundsteuer finanzierte Pool-Lösung vorstellen. Als Vorbild gilt vielen das französische „régime catastrophe naturelle (CatNat)“: „98 Prozent der französischen Haushalte sind versichert", sagte der Vizevorstand des Zentrums für Europäischen Verbraucherschutz (ZEV), Jakob Thevis. Jeder Haushalt im Nachbarland zahle im Durchschnitt 26 Euro im Jahr, um Haus, Hausrat und Auto gegen Elementarschäden zu versichern.
Das französische und andere Modelle
Der Beitrag werde allerdings im kommenden Jahr auf durchschnittlich 40 Euro steigen, kündigte der Vorstandschef des staatlichen Rückversicherers Caisse Centrale de Réassurance (CCR), Édouard Vieillefond, an. Grund dafür seien unter anderem höhere Aufwendungen in Folge von Naturkatastrophen. Die CCR ist zentraler Baustein des französischen Systems. Abgedeckt sind unter anderem Überschwemmungen, Schlammlawinen, Bodenbewegungen, Flutwellen und besonders heftige Stürme – nicht aber Blitzschlag und Hagel. Wegen des Solidaritätsprinzips gibt einen einheitlichen Beitragssatz von bisher zwölf Prozent der gesamten Versicherungsprämie. „Jeder zahlt denselben Satz – ob auf Guadeloupe, in Bordeaux oder Paris." Bisher hat der Staat das System seit 1982 erst einmal mit gut 260 Millionen Euro stützen müssen – die letzten großen Flutereignisse haben Deutschlands Steuerzahler jeweils ein Vielfaches gekostet. In Belgien wird eine Versicherungspflicht mit risikobezogenen Prämien kombiniert, die die Versicherungsgesellschaften selbst festlegen. Vorteil: Das System belohnt diejenigen, die Häuser auf sicheren Bauplätzen errichten. Die Versicherer können Bedingungen stellen, etwa bestimmte Schutzmaßnahmen für das jeweilige Gebäude.
Opt-out erst mal out
Mehr Prävention fordert unterdessen geradezu gebetsmühlenartig der Branchenverband GDV und warnt vor vermeintlich einfachen Lösungen. Das französische System sei als Blaupause nicht geeignet, betonte etwa die stellvertretende Hauptgeschäftsführerin Anja Käfer-Rohrbach: „Das System ist defizitär, das System ist nicht stabil.” Allerdings ist die vom Verband favorisierte Opt-Out-Lösung gerade erst im Bundestag gescheitert. Mehrere Versicherer – darunter Ergo-Vorstand Olaf Bläser – berichten immerhin von einer deutlichen Sensibilisierung ihrer Kunden für das Thema Elementarschäden. Bläsers Vorstandskollege Dr. Maximilian Happacher betont in seiner Eigenschaft als Vorstandsvorsitzender der Deutschen Aktuarvereinigung allerdings, dass diese Entscheidung letztlich politisch sei, unterstützt jedoch das Optionsmodell des GDV.
Staatliche Hilfe fließt of zu langsam
Experten wie der renommierte Versicherungsanalyst Carsten Zielke sehen eigentlich keine Alternative zu einer Versicherung für alle: „Deutschland ist bei Starkregen besonders anfällig. Wo er auftritt, ist reiner Zufall. Es kann also jeden treffen, und wenn, dann sind die Schäden oft viel zu groß, als dass ein Einzelner sie tragen kann. In solchen Konstellationen installiert man Solidarsysteme: Man verteilt das Risiko auf alle Schultern, damit es klein und tragbar wird”, sagte Zielke dem SPIEGEL. Er spricht sich für pan-europäische Nat-Cat-Bonds aus. Er präferiere dabei das französische Modell als Basis, bei dem ein professioneller Schadenabwicklungsdienst dafür sorge, dass Geschädigte ihr Geld innerhalb weniger Wochen erhielten, um so eine Insolvenz zu verhindern. Die Erfahrung: Staatliche Hilfe fließt oft zu langsam. Auch Bernd Zens, Vorstand der DEVK, teilt die Haltung seines Verbands nicht. Es sei unverständlich, dass der GDV gegenüber der Politik eine Pflichtversicherung von Anfang an abgelehnt habe, statt eine Lösung zu suchen, kritisierte Zens kürzlich. Auch sein Vorstandschef Gottfried Rüßmann wünscht sich, dass „mehr Zug in die Diskussion" kommt.
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