23.03.2022 Branche

Paukenschlag: Rentensteigerung übertrifft Erwartungen

5,35 Prozent im Westen und 6,12 Prozent im Osten: So stark steigen die Altersbezüge ab dem 1. Juli. Außer dem Bundesarbeitsministerium scheint aber kaum jemand zufrieden. Die 21 Millionen Rentner jedenfalls müssen angesichts der galoppierenden Inflation fürchten, dass ihnen von der Erhöhung kaum etwas bleibt.

Für die Rentenerhöhung 2022 kommt es darauf an, wie sich die Löhne 2021 gegenüber 2020 entwickelt haben. Gerechnet wird dabei getrennt für alte und neue Bundesländer. Die Daten liefert das Statistische Bundesamt. (Foto: DVAG)
Für die Rentenerhöhung 2022 kommt es darauf an, wie sich die Löhne 2021 gegenüber 2020 entwickelt haben. Gerechnet wird dabei getrennt für alte und neue Bundesländer. Die Daten liefert das Statistische Bundesamt.
(Foto: DVAG)

Die Renten steigen dieses Jahr so stark wie seit Jahrzehnten nicht. Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) hat mitgeteilt, dass die Altersbezüge zum 1. Juli 2022 in Westdeutschland um 5,35 Prozent und in den neuen Ländern um 6,12 Prozent steigen werden. Betroffen sind davon 21 Millionen Menschen. „Es wird eine der höchsten Rentenanpassungen in Deutschland seit Einführung der Rentenversicherung geben“, sagte die Präsidentin der Deutschen Rentenversicherung Bund, Gundula Roßbach. Wie viel den älteren Menschen in Deutschland davon bleibt, scheint angesichts der drastisch gestiegenen Inflation und der unsicheren Aussichten allerdings fraglich. 

Das Rentenniveau beträgt nach der berechneten Rentenanpassung 48,14 Prozent. Der Rentenwert im Westen steigt laut der aktuellen Prognose von 34,19 auf 36,02 Euro, im Osten von 33,47 auf 35,52 Euro. Dieser Wert gibt an, wie viel ein Entgeltpunkt in der Rentenversicherung wert ist; ein solcher Punkt ist maßgeblich für die Höhe der Rente. Mit einem durchschnittlichen Arbeitnehmereinkommen erwirbt man jedes Jahr einen Punkt. Eine Beispielrechnung: Eine monatliche Rente von 1000 Euro, die nur auf West-Beiträgen beruht, erhöht sich der Prognose zufolge ab Juli um 53,50 Euro, eine gleich hohe Rente mit Ost-Beiträgen um 61,20 Euro.

Steigerung über Plan trotz Nachholfaktor

 

Die turnusgemäße Rentenanpassung fällt damit deutlich höher aus als zunächst angenommen. Ende November hatte Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) noch 4,4 Prozent genannt. Ein wesentlicher Grund ist die positive Lohnentwicklung in Deutschland. „Gerade angesichts der aktuellen Herausforderungen – sei es durch steigende Preise oder die internationale Krisenlage – ist es wichtig, zu sehen, dass unser Rentensystem funktioniert. Die Entwicklung der Renten darf nicht von der Entwicklung der Löhne abgekoppelt werden“, sagt Heil. Die für die Rentenanpassung relevante Lohnsteigerung beträgt laut Daten des Statistischen Bundesamts rund 5,8 Prozent in den alten Ländern und 5,3 Prozent in den neuen Ländern. Bei den Entgelten der Versicherten schlug trotz Corona der massive Einsatz von Kurzarbeit positiv bei der Rente zu Buche. Denn auch hierfür fließen laut BMAS Beiträge.

Im Zuge der Anpassung wird eine Vereinbarung des Koalitionsvertrages umgesetzt: Das Wiedereinsetzen des Nachholfaktors bewirkt, dass die nicht vorgenommene Rentenminderung des vergangenen Jahres mit der Rentenerhöhung verrechnet wird. Hintergrund ist, dass es dank der gesetzlich verankerten Rentengarantie im vergangenen Jahr trotz eines pandemiebedingten Einbruchs der Einnahmen keine Rentenkürzung gab, sondern eine Nullrunde. Ohne die Neuregelung wäre die Erhöhung damit jetzt sogar noch kräftiger ausgefallen.

Arbeitgeber und Gewerkschaften mit Kritik

 

Kaum verkündet, traten die Kritiker mit ihren ganz eigenen Interpretationen auf den Plan. Die Arbeitgeber bemängelten, dass die Rentengarantie die Rentner vergangenes Jahr vor Kürzungen bewahrt habe. „Umso unverständlicher ist es, wenn die Renten dennoch in diesem Jahr sehr viel stärker steigen sollen als die Löhne“, sagte der Hauptgeschäftsführer der Bundesvereinigung Deutscher Arbeitgeberverbände, Steffen Kampeter, der Deutschen Presseagentur (dpa). Rentensteigerungen über der tatsächlichen Lohnentwicklung müssten jetzt unterbleiben; die Sozialversicherungsausgaben dürften nicht steigen.

Die Gewerkschaften kritisierten dagegen laut dpa die Dämpfung durch den Nachhaltigkeitsfaktor, da derzeit die Preise weiter zu steigen drohten. „Was genau die Bundesregierung in den komplexen Formeln der Rentenanpassung nun verrechnet hat, ist uns derzeit noch nicht bekannt“, sagte DGB-Vorstandsmitglied Anja Piel. Der DGB werde in jedem Fall genau hinschauen und jeden Angriff abwehren, der darauf abziele, die Renten weiter von den Löhnen abzukoppeln.

Rentenerhöhung nur ein Inflationsausgleich?

 

Kritik kam auch von der Opposition. Unionsfraktionsvize Sepp Müller sagte, die Erhöhung auch der ostdeutschen Renten schmelze unter der aktuellen Inflationsrate von 5,1 Prozent wie Butter in der Sonne dahin. „Die Bundesregierung steht in der Pflicht, die Bürgerinnen und Bürger bei ihren Lebenshaltungskosten erheblich zu entlasten“, sagte Müller der dpa. Das gelte für die Sprit-, die Energie- und weitere Lebenshaltungskosten. Der Fraktionschef der Linken im Bundestag, Dietmar Bartsch, sagte dem RedaktionsNetzwerk Deutschland, das Problem der hohen Preise bleibe. „Deshalb ist diese Rentenerhöhung eben nur ein Inflationsausgleich.“

Rentenversicherungschefin Roßbach stellte dagegen fest: „Rückblickend hat es für die Rentnerinnen und Rentner seit 2010 ein deutliches Plus bei der Rente gegeben.“ Bis 2020 seien die Standardrenten im Westen um über 25 und im Osten um über 37 Prozent gestiegen. Der Anstieg liege damit deutlich oberhalb der Inflation in diesem Zeitraum.


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