04.10.2022 Branche

So würden die Deutschen gerne arbeiten

Fast 50 Prozent aller Beschäftigten streben laut einer HDI-Studie Teilzeitarbeit an, wenn sie ihnen denn angeboten würde. Noch mehr befürworten die Vier-Tage-Woche, allerdings gilt dabei für die meisten als Voraussetzung ein voller Lohnausgleich. Das Thema Home-Office berührt die Studie erstaunlicherweise nicht.

Teilzeit und Vier-Tage würden die Möglichkeiten der Vereinbarkeit von Familie und Beruf sicher deutlich verbessern. (Foto: © Konstantin Yuganov - stock.adobe.com)
Teilzeit und Vier-Tage würden die Möglichkeiten der Vereinbarkeit von Familie und Beruf sicher deutlich verbessern.
(Foto: © Konstantin Yuganov - stock.adobe.com)

Home-Office ist in vielen Unternehmen auch unabhängig von der Corona-Pandemie Teil der Arbeitsrealität geworden. Bisher fehlt eine aber eine gesetzliche Grundlage für einen rechtlichen Anspruch auf Seiten der Arbeitnehmer und in der Praxis finden sich höchst unterschiedliche Modelle. Das große Thema ist es in der öffentlichen wie der politischen Diskussion indes nicht mehr. Offenbar auch nicht beim Hannoveraner Versicherer HDI, die sich in der diesjährigen Auflage seiner „HDI Berufe-Studie“ stattdessen vor allem den Themen Teilzeit und Vier-Tage-Woche widmet. Dazu hat das Marktforschungsunternehmen YouGov Deutschland bundesweit 3891 Erwerbstätige ab 15 Jahren in den Monaten Juni und Juli repräsentativ befragt.

Teilzeit, Vier-Tage-Woche und mobiles Arbeiten hoch im Kurs

 

Die wichtigste Erkenntnis ist zumindest aus Sicht der Studienmacher, dass Deutschlands Berufstätige deutlich veränderte Arbeitsmodelle anstreben. So will fast jeder zweite Vollzeitbeschäftigte (48 Prozent) zur Teilzeitarbeit wechseln, wenn er dazu die Möglichkeit vom Arbeitgeber bekommt. Unklar bleibt hier, wie es um die Akzeptanz finanzieller Konsequenzen aussieht. Am stärksten ist der Wunsch nach kürzerer Arbeitszeit bei den Beschäftigten unter 40 Jahren.

Drei Viertel aller Beschäftigten plädieren zudem für die Einführung der Vier-Tage-Woche in ihren Unternehmen (76 Prozent). Besonders stark ist das in der Industrie der Fall (86 Prozent). Hier wären 24 Prozent bereit, dafür auf einen Teil des Lohns zu verzichten, insgesamt sind das aber nur 14 Prozent aller Beschäftigten. Für 62,7 Prozent hängt die Einführung hingegen an der Bedingung eines vollständigen Lohnausgleichs.

Zugleich sehen 41 Prozent aller Berufstätigen in Deutschland durch mobiles Arbeiten qualitativ verbesserte Ergebnisse, nur 29 Prozent bestreiten das. Besonders positiv ist die Meinung dazu bei jüngeren Berufstätigen unter 45 Jahren (48 Prozent zu 27 Prozent), Ältere sind hingegen eher unentschieden. Unternehmen, die mobiles Arbeiten anbieten, halten zwei Drittel aller Beschäftigten bei der Berufswahl daher auch für attraktiver als andere ohne solche Angebote, so die HDI.

Nachlassende Bedeutung der Arbeit und von Berufsbindung

 

„Ich würde so schnell wie möglich mit meinem beruflichen Arbeiten aufhören, wenn ich es finanziell nicht mehr nötig hätte“: In der ersten „HDI Berufe-Studie“ 2019 stimmte dieser Aussage rund jeder dritte Berufstätige in Deutschland zu. Drei Jahre später und nach den Corona-Erfahrungen liegt die Zustimmung jetzt bei 56 Prozent - mehr als ein Drittel höher. Deutlich gestiegen ist dabei gerade der Anteil junger Berufstätiger, die sich auch „ein Leben ohne Beruf“ vorstellen können. Dazu passt auch, dass die Bindung zum Job und Unternehmen gerade bei jungen Beschäftigten signifikant abgenommen hat – zugunsten einer angestrebten verbesserten Work-Life-Balance. War etwa 2020 für 69 Prozent der Berufstätigen unter 25 Jahren ein Leben ohne Beruf nicht vorstellbar, sind es jetzt 58 Prozent. 

Treiber dieser Entwicklungen ist laut Studie die Digitalisierung der Arbeitswelt, die sich seit 2019 durch die Corona-Pandemie deutlich beschleunigt habe. So bezeichnen heute 60 Prozent aller Beschäftigten, das sind fast ein Drittel mehr als vor der Corona-Zeit, die Digitalisierung im Beruf als hilfreich. Zugleich geht die Sorge vor Jobverlusten durch die Digitalisierung in Deutschland weiter zurück, so die Autoren.

Dr. Christopher Lohmann, Vorsitzender des Vorstands der HDI Deutschland AG, sagt zu den Ergebnissen: „Besonders junge Berufstätige in Deutschland streben den Ergebnissen unserer Studie zufolge vehement nach mehr Freiräumen im Beruf. Sie wollen mitbestimmen, wo, wann und wie lange sie arbeiten. Ihre Vorstellungen weichen dabei deutlich von den tradierten Arbeitsmodellen ab. Die Corona-Erfahrungen haben diese Einstellungen offenbar stark befördert.“

Mehrheit arbeitet nicht im Traumberuf

 

Weitere Ergebnisse: Nur 37 Prozent der Beschäftigten gibt aktuell an, heute in dem immer gewünschten bzw. angestrebten Beruf zu arbeiten. Unter Lehrern und Ausbildern erreicht diese Quote mit 59 Prozent den höchsten Wert unter allen Berufsgruppen. Auch unter Medizinern und IT-Kräften arbeiten mit jeweils 44 Prozent überdurchschnittlich viele in ihrem „Traumberuf“. Bei Beschäftigten im Sicherheits- und Reinigungsgewerbe ist das hingegen nur zu 20 Prozent der Fall, sie bilden damit das Schlusslicht unter allen Berufsgruppen. Auffällig ist laut der Autoren der große Unterschied zwischen Selbständigen (46 Prozent im Traumberuf) und Angestellten (36 Prozent). Auch zwischen Beschäftigten in Teilzeit (29 Prozent) und in Vollzeit (39 Prozent) besteht eine Differenz. Zudem steigt nach den Befragungsergebnissen das Empfinden der Arbeit als Traumberuf signifikant mit wachsendem Einkommen. Mit steigendem Lebensalter nimmt es dagegen ab.

Empfehlungsquote an Berufsanfänger leicht rückläufig

 

Ihren derzeitigen Beruf auch jungen Leuten empfehlen würden mit insgesamt 65 Prozent weniger Beschäftigte in allen Berufsgruppen als im Vorjahr (67 Prozent). Besonders auffällig ist dabei der starke Rückgang der Empfehlungsrate im Bereich Bau und Architektur sowie im Sicherheits- und Reinigungsgewerbe. Gestiegen ist die Empfehlungsrate für junge Leute dagegen im Bereich Recht und Verwaltung - und dies kräftig von 67 Prozent im Vorjahr auf jetzt 77 Prozent. Eine erhöhte Empfehlungsrate gibt es ansonsten nur noch in der Berufssparte Finanzdienstleistungen, Rechnungswesen und Steuerberatung. Dort erhöhte sich der Empfehlungswert gegenüber dem Vorjahr von 65 Prozent auf 68 Prozent.


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