29.09.2022 Branche

Studie der LV 1871: Krisenmodus statt langfristiger Finanzplanung?

Durch aktuelle Entwicklungen wie Inflation und Krieg verliert das Thema finanzielle Freiheit an Gewicht. Gleichzeitig werden die Sorgen um die privaten Finanzen größer und es wird mehr kurzfristig gespart. Aber belegt das eine mangelhafte langfristige Finanzaufstellung der Bürger, wie die LV 1871 schlussfolgert?

Laut der aktuellen Befragung sind freie Meinungsäußerung und selbstbestimmtes Handeln wesentlich mehr Menschen wichtig als finanzielle Unabhängigkeit. (Foto: © MQ-Illustrations - stock.adobe.com)
Laut der aktuellen Befragung sind freie Meinungsäußerung und selbstbestimmtes Handeln wesentlich mehr Menschen wichtig als finanzielle Unabhängigkeit.
(Foto: © MQ-Illustrations - stock.adobe.com)

Die Bedeutung von finanzieller Unabhängigkeit geht im Angesicht von Krieg, Inflation und Rezession zurück und die Stimmung der Bevölkerung ist in Bezug auf ihre Finanzen von zunehmender Unsicherheit geprägt: Das sind zentrale Ergebnisse der von der LV 1871 beauftragten Untersuchung „Financial Freedom Report 2022“. An der repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsunternehmens Civey nahmen im August deutschlandweit 2500 Menschen ab 18 Jahren teil.

Finanzielle Unabhängigkeit verliert deutlich an Bedeutung

 

Finanzielle Unabhängigkeit bleibt auch in diesem Jahr für die Mehrheit der Bundesbürger (59,8 Prozent) ein wichtiger Aspekt von Freiheit – vor allem für die jüngere Generation der 18- bis 29-Jährigen (76,4 Prozent). Im Vergleich zum Vorjahr (69 Prozent) hat der Gesamtwert jedoch deutlich abgenommen. Offensichtlich bewirken aktuelle Krisen wie der Ukraine-Krieg, dass das Freiheitsverständnis der Deutschen stärker zu elementaren Freiheitsrechten wie freier Meinungsäußerung, selbstbestimmtem Handeln, Reise- und Bewegungsfreiheit sowie freien Wahlen tendiert. Alle diese Punkte liegen bei der Frage nach der persönlichen Bedeutung von Freiheit vor der finanziellen Unabhängigkeit.

Aktuelle Krisen verschärfen Sorgen um die eigenen Finanzen

 

Die Verschiebung der Prioritäten erklärt sich beim Blick darauf, was den Menschen aktuell am meisten Kopfzerbrechen bereitet. So dominieren die Sorgen zu Wirtschaftslage/Inflation (70,7 Prozent) vor dem Krieg (62,8 Prozent). Der Klimawandel liegt sogar hinter einer Bedrohung der Demokratie (49,7 Prozent) aktuell nur noch an vierter Stelle (43,2 Prozent). Das wirkt sich offenbar auch auf die Stimmung der Befragten in Sachen private Finanzen aus. Gerade einmal 9,1 Prozent fühlen sich abgesichert. 14,5 Prozent äußern, sie seien bei dem Thema „entspannt“. Mehr Menschen (23,7 Prozent) sind dagegen „beunruhigt“ und 20,0 Prozent bekommen Zukunftsängste. Im Vergleich zu den Studienergebnissen des Vorjahres ist das eine durchaus starke Verschiebung (24,5 Prozent „entspannt“, 12,6 Prozent „beunruhigt“). Besonders Frauen seien hier vermehrt betroffen, so die Autoren.

Angebliche Mehrheit setzt auf staatliche Renten

 

Die Aussagen der Befragten zum gewünschten Eintrittsalter in den Ruhestand bewertet die LV 1871 kritisch. Das stehe dem demographischen Wandel und Forderungen aus Politik und Wirtschaft nach einem späteren Renteneintritt entgegen. Da die Fragestellung jedoch nicht mit etwaigen finanziellen Konsequenzen verknüpft war, ist es wenig überraschend, dass der Großteil der Bundesbürger (67,9 Prozent) laut Studie maximal bis zum 60. Lebensjahr arbeiten will. Den Autoren zufolge verlässt sich die Mehrheit bei der Altersvorsorge auf ihr Gehalt und die staatliche Rente. Aus den Zahlen geht das nicht direkt hervor. 45,3 Prozent der Befragten beziehen ihr Einkommen aus einem Angestelltenverhältnis. 16,2 Prozent nennen Geldanlagen und Kredite als Einnahmequelle. Auf Immobilien setzen 12,5 Prozent. Mehr Punkte werden nicht genannt.

Junge Altersgruppe mit größerer Bereitschaft zu Risiko-Investments

 

Gefragt, wie sich ihr Umgang mit Geld im vergangenen Jahr verändert hat, geben immerhin 26,5 Prozent an, ihre Finanzen bewusster zu planen. Gespart wird vor allem kurzfristig an Dingen des alltäglichen Bedarfs wie Energie (34,5 Prozent). 15,6 Prozent sparen sogar gar nicht mehr. 7,6 Prozent der Befragten investieren mehr in Aktien, Fonds oder ETFs, allerdings mit einem deutlichen Ungleichgewicht zwischen Männern und Frauen, die hier wesentlich zurückhaltender sind. Vor allem die jüngeren Erwachsenen investieren mehr an den Börsen als zuvor (17,8 Prozent). Aus Sicht der Studienautoren ist das nur konsequent, denn die 18- bis 29-Jährigen sind den Ergebnissen nach ambitionierter und benötigen mehr Geld, um sich finanziell frei zu fühlen. Finanzberater schaffen es bisher jedoch noch nicht, junge Menschen zu erreichen, so die Autoren. Tatsächlich nahmen nur 1,5 Prozent der Befragten seit dem vergangenen Jahr professionelle Hilfe in Anspruch.

Mehrheit befasst sich regelmäßig mit eigenen Finanzen

 

Bei der Frage, wie intensiv sich die Menschen mit ihrer privaten Finanzplanung beschäftigen, zeigt sich eine große Bandbreite. 14,4 Prozent geben an, sich so gut wie nie mit ihrer privaten Finanzplanung auseinanderzusetzen, 14,1 Prozent allerdings tun das sogar täglich. Insgesamt befasst sich demnach eine große Mehrheit von 71,6 Prozent der Befragten regelmäßig mit ihrer privaten Finanzplanung. Die Range reicht von denen, die sich täglich damit befassen, bis zu denen, die sich mehrmals im Jahr darum kümmern.

Fragwürdige Interpretationen

 

Hermann Schrögenauer, Vertriebsvorstand der LV 1871, ordnet die Ergebnisse so ein: „Der Financial Freedom Report 2022 verdeutlicht einmal mehr, dass finanzielle Freiheit kein Schönwetter-, sondern ein Allwetterthema ist. Unsichere Zeiten erfordern langfristig wirksame Entscheidungen: Weg vom Vertrauen in das Sparbuch und die bröckelnde staatliche Absicherung. Hin zu mehr Mut zum Investment und Interesse an Finanzwissen, um die eigene finanzielle Absicherung krisensicher zu gestalten. Die jüngeren Generationen machen es vor: Gerade ihnen ist Geld besonders wichtig, wie unsere Studie zeigt – wirksame und langfristige Finanzplanung ist für sie umso bedeutender.”

Dass ein Lebensversicherer sich positiv zum Thema Finanzinvestments äußert, ist wenig überraschend. Die unterschwellige Kritik, dass im Angesicht von Inflation und Existenzsorgen mehr Menschen ans Sparen denken statt an Investments in Aktien und Fonds, erscheint indes fragwürdig. Denn gerade bei der jüngeren Generation, deren größere Risikobereitschaft bei Investments gelobt wird, stellt die Studie gleichzeitig einen Mangel an Beratung und große Wissenslücken in Sachen Finanzen fest. Außerdem gehört es zum Beratungsstandard, Ältere mit kürzerem zeitlichem Horizont nicht allzu risikobehaftete Anlageformen zu empfehlen. Und dass die Mehrheit über keine „krisensichere und nachhaltige Finanzaufstellung“ verfügt, lässt sich schon allein aufgrund der Fragestellungen der Studie methodisch nicht schlussfolgern.


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