04.02.2020 Digital

Wie Insurtechs arbeiten

Getsafe-Gründer und CEO Christian Wiens gewährt in seinem Gastbeitrag einen Blick hinter die Kulissen der Start-Ups der Versicherungsbranche.

Agiles Arbeiten: Mitarbeiter aller Disziplinen kommen fortwährend zusammen, um sich auszutauschen. Bei Getsafe heißt die kleine Arbeitsecke „Phone Booth“. (Foto: Getsafe)
Agiles Arbeiten: Mitarbeiter aller Disziplinen kommen fortwährend zusammen, um sich auszutauschen. Bei Getsafe heißt die kleine Arbeitsecke „Phone Booth“.
(Foto: Getsafe)

Insurtechs sind längst Teil der Versicherungswirtschaft. In ihrem Selbstverständnis wollen sie Treiber der Digitalisierung und Vorreiter in Formen agilen Arbeitens sein. Bei der Umsetzung ihrer Geschäftsmodelle bleiben sie mit der traditionellen Branche stark verknüpft. Und dennoch sind sie anders. Was sind ihre Erfolgsfaktoren?

(R)Evolution des Versicherungsmarktes

 

Die Branche revolutioniert sich – und Insurtechs stellen neue Lösungen bereit. Gerade junge Kunden wünschen sich digitale Angebote. Sie wollen nicht in Warteschleifen festhängen und meiden umständliche Prozesse. Ihr Anspruch: Übersichtliche Angebote und vertrauenswürdiger Service, der nahbar und schnell sein muss. Gerade bei einem eher trockenem Wirtschaftsthema wie Versicherung muss es Spaß machen, ein Produkt zu nutzen. Smartphone-Apps bieten genau das. Kunden können mit wenigen Klicks eine Versicherung abschließen, haben ihre Unterlagen jederzeit digital auf Abruf in der Tasche. 80 Prozent ihrer Anfragen werden innerhalb einer Stunde beantwortet. Und Kunden wissen, dass sie sich in vielen Fällen auch selbst helfen können: Versicherungsdetails ändern, Schäden melden, Fragen über den Chatbot beantworten – 99 Prozent nutzen diesen Service.

Die Rolle der Insurtechs

 

Dabei muss man wissen, dass das „tech“ in Insurtech der entscheidende Teil des Begriffs ist. Es geht um Entwicklung, um Programmierung und um Service. Die Geschäftsmodelle reichen von Vergleichsportalen, Peer-to-Peer-Konzepten bis hin zu Tools zur Vermittlung oder Analyse von Versicherungsdaten. Selbst Unternehmen mit BaFin-Lizenz und eigenen Produkten arbeiten zumeist als Plattformen mit Branchenschwergewichten zusammen, die als externe Risikoträger fungieren. Nicht wenige der großen Player haben sogar Start-Ups als firmeneigene Entwicklungslabore gegründet, um die Digitalisierung voranzutreiben. So sind die Marktneulinge zumeist weniger eine Konkurrenz, als eine Ergänzung und Erweiterung des bisherigen Versicherungsgeschäfts, um neue Kundengruppen zu erschließen.

Foto: Getsafe

Start-Ups locken mit Dynamik und Flexibilität – wichtige Versprechen, die einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil darstellen können.

Christian Wiens, Gründer und CEO der Getsafe Digital GmbH, Heidelberg

Erfolgsfaktoren eines Start-Ups

 

Um dieser Rolle gerecht zu werden und stetig Innovationen zu liefern, ist der Unternehmensalltag geprägt von zügigen Wechseln und Veränderungen, seien es neue Kollegen, Neuerungen am Produkt oder Richtungswechsel in der Zielsetzung. Die Bereitschaft, schnell zu handeln, ist eine Grundvoraussetzung im Insurtech-Umfeld. Der Weg zum Management ist kurz, im Zentrum steht die persönliche und fachliche Weiterentwicklung. Dabei arbeiten alle sowohl strategisch als auch operativ. Wöchentliche Team-Stand-Ups sind unerlässlich, um den Kommunikationsfluss zu gewährleisten. Projekte, Fortschritte und (Miss)-Erfolge werden präsentiert – von jedem. Die Stand-Ups bieten einen Rahmen, das Unternehmen teamübergreifend zu synchronisieren. Für Start-Ups ist dabei das OKR (Objectives and Key Results)-Framework besonders passend. Es gilt als Management-System zur zielgerichteten und modernen Mitarbeiterführung. Kennzeichnend ist die Planung in kurzen Zyklen, ohne langjährige Erfahrungswerte, mit schnelllebigen Anpassungen der Marketingstrategie, kurzen Entwicklungsphasen von Produkten und stetigen Feinjustierungen des Geschäftsmodells. OKRs helfen dabei, sich auf wenige zentrale Ziele zu fokussieren. Sie dokumentieren den Fortschritt und gleichen den Ist- und Soll-Zustand miteinander ab ­– bis auf Ebene der persönlichen Mitarbeiterziele.

Blaupause Insurtechs

 

Verantwortung übernimmt im Start-Up jeder und das sofort. Entsprechend arbeiten alle Bereiche autark und doch eng vernetzt. Es gilt, sich Kenntnisse in anderen Disziplinen anzueignen und nicht in Silos zu denken. Wer das schafft, verzeichnet eine steile Lernkurve und verleiht dem ganzen Unternehmen einen Schub. Teams werden oft sehr bewusst komplementär und divers zusammengesetzt – dabei geht es einerseits um Kompetenzen und Erfahrungen, aber auch um Nationalität, Alter und Cultural Fit. Bei Getsafe arbeiten gut 20 verschiedene Nationalitäten. Unternehmenssprache ist Englisch. Gleichzeitig ist das komplette Produkt, die App, zweisprachig programmiert. Start-Ups locken mit Dynamik und Flexibilität – wichtige Versprechen, die einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil, sowohl auf der Suche nach Mitarbeitern als auch bei der Gewinnung von Kunden, darstellen können. Insurtechs kennen bestenfalls ihre Zielgruppe von innen heraus, weil die dort arbeitenden Menschen ihren Kunden ähnlich sind: jung, dynamisch, digital-affin. Das schafft eine hohe Identifikation mit dem Produkt und ein tieferes Verständnis für die Bedürfnisse der Nutzer. Diese Überzeugung ist es, die Insurtechs und ihre Entwicklung als Blaupause für viele andere Start-Ups zeichnet.


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