09.07.2021 Sparten/Produkte

Aktuare fordern Rentenreform

Die Deutsche Aktuar­vereinigung spricht sich für eine sachliche Debatte zur Zukunft der Alterssicherungs­systeme aus. Handlungsbedarf bestehe sowohl bei der gesetzlichen Rente als auch bei der kapitalgedeckten Altersvorsorge.

Für künftige Generationen wird es noch wichtiger werden, im Alter neben der gesetzlichen Rente weitere Geldquellen zu haben. (Foto: stux/Pixabay)
Für künftige Generationen wird es noch wichtiger werden, im Alter neben der gesetzlichen Rente weitere Geldquellen zu haben.
(Foto: stux/Pixabay)

„Deutschland braucht nicht nur für den Klimaschutz ein langfristiges, generationengerechtes und sozial ausgewogenes Konzept, sondern auch eine nachhaltige Reform des Altersvorsorgesystems, die auf diesen Pfeilern ruht.“ Das sagt der stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Deutschen Aktuar­vereinigung (DAV), Dr. Maximilian Happacher, mit Blick auf die Bundestagswahl in einem gestern veröffentlichten Beitrag des Vereins. „Übertrie­bener Alarmismus hilft niemandem, aber die notwendigen Veränderungen unseres Alterssicherungssystems dürfen auch nicht von einer Regierungs­kom­mission in die nächste delegiert werden“, so Happacher weiter, der im Hauptberuf Vorstand bei der ERGO Lebensversicherung ist.

Sozialabgaben und Steuerzuschuss begrenzen

 

So müsse eine unabhängige und ideologiefreie Debatte darüber geführt werden, wie das bislang dreisäulige Rentenkonzept in Anbetracht des demografischen Wandels und der voraussichtlich noch auf Jahre anhaltenden Tiefzinssituation weiterentwickelt werden kann. Dabei gehe es um die Nachjustierung aller Stellschrauben der gesetzlichen Rentenversicherung, ohne einerseits den sozialen Frieden zu gefährden und andererseits die Sozialabgaben deutlich über 40 Prozent und die Steuerzuschüsse extrem steigen zu lassen. „Um die gesetzliche Rente zukunftsfest zu machen, werden alle Beteiligten Zugeständnisse machen müssen“, prognostiziert Happacher. Dazu gehöre auch eine sachliche Diskussion darüber, welche Auswirkungen die weiter steigende Lebenserwartung auf das Renteneintrittsalter habe.

Auszahlphase in den Blick nehmen

 

Auch bei der kapitalgedeckten Altersvorsorge sieht die DAV politischen Handlungsbedarf. Nach der gescheiterten Riester-Reform haben bereits viele Anbieter angekündigt, sich aus diesem Marktsegment und der Beitragszusage mit Mindestleistung in der betrieblichen Altersversorgung ganz oder teilweise zurückzuziehen. „Dieser Leerraum muss gefüllt werden, um die erwartbaren Rentenlücken der nächsten Generationen zu schließen“, sagt Happacher. Die Pläne einer Deutschland-, Generationen- oder Aktienrente seien in ihrer bisherigen Form aus aktuarieller Sicht keine Lösung. Denn alle Konzepte würden ausschließlich die Ansparphase in den Blick nehmen, die hochkomplexe und vor allem jahrzehntewährende Auszahlungsphase aber außer Acht lassen. Ein 2020 geborenes Mädchen habe statistisch eine Lebenserwartung von gut 93 Jahren, ein Junge von gut 90 Jahren. „Damit ergibt sich eine Rentenbezugsdauer von 25 und mehr Jahren, in denen die künftigen Rentnerinnen und Rentner würdevoll leben möchten“, sagt Happacher. Dies sei nur über eine Rente möglich, die ab Beginn der Ansparphase bis zum Lebensende eine Mindestzahlung sicherstellt – egal, wie lange die Lebenszeit im konkreten Einzelfall ist. Dieses wichtige Element sei bisher in den politischen Konzepten nicht vorgesehen. „Im Interesse der Menschen muss hier nachgebessert werden“, so Happacher.

Auf Aktien statt Sparbuch setzen

 

Zugleich seien aber auch die Bürger gefordert, sich noch stärker auf die veränderten Kapitalmarktwirklichkeiten einzulassen. „Die alte Sparwelt wird es vielleicht nie wieder geben. Nur durch Investitionen in Substanzwerte wie Aktien oder Immobilien können künftig Renditen oberhalb der Inflation erzielt werden“, sagt Happacher. Das gelte auch vor dem Hintergrund der heftigen Kapitalmarktschwankungen des vergangenen Jahres. Insofern sei es positiv, dass die Aktienbesitzquote hierzulande zuletzt gestiegen sei. „Wir müssen konsequent daran arbeiten, dass die Vorbehalte gegen Aktien weiter abgebaut werden, und gleichzeitig verhindern, dass der Einzelne die damit verbundenen Verlust- beziehungsweise Schwankungsrisiken alleine tragen muss“, fordert Happacher. Das lasse sich am besten durch eine langfristig ausgerichtete, kollektive Kapitalanlage erreichen, wie sie Lebensversicherer und Einrichtungen der betrieblichen Altersversorgung organisieren.


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