30.08.2022 Sparten/Produkte

Geldanlage: Sicherheit und Rendite schlagen Nachhaltigkeit

Über ein Drittel der Befragten einer aktuellen Untersuchung halten Nachhaltigkeit für eine Modeerscheinung. In der Geldanlage beeinflusst das Thema ihre Entscheidungen zudem kaum. Aus Sicht des Diva und ihres Trägers BDV hat dies viel mit Fehlern der Politik und womöglich zu Unrecht als „grün“ deklarierten Produkten zu tun.

Die Europäische Union will grüne Investments massiv fördern, um die Kapitalstöme im Sinne des Klimaschutzes umzulenken. Bisher kann das Produktangebot die Anleger aber noch nicht überzeugen. (Foto: Zurich Gruppe Deutschland)
Die Europäische Union will grüne Investments massiv fördern, um die Kapitalstöme im Sinne des Klimaschutzes umzulenken. Bisher kann das Produktangebot die Anleger aber noch nicht überzeugen.
(Foto: Zurich Gruppe Deutschland)

Die Förderung nachhaltiger Geldanlagen ist ein Kern des sogenannten „Green Deal“ der Europäischen Union. Der Frage, wie stark das Thema Nachhaltigkeit bisher tatsächlich in der Geldanlage angekommen ist, ist das Deutsche Institut für Vermögensbildung und Alterssicherung (Diva) durch eine Sonderbefragung im Rahmen des zweimal jährlich erhobenen „Deutschen Geldanlage-Index“ nachgegangen. Befragt wurden 2000 Personen in Deutschland.

Politik und Produktgeber für Ergebnisse mitverantwortlich

 

Immerhin 53,8 Prozent der Befragten sind danach davon überzeugt, dass nachhaltige Geldanlagen auch wirklich zu einer nachhaltigeren Wirtschaft beitragen können. Allerdings hält mehr als ein Drittel (37,5 Prozent) der Befragten das Thema Nachhaltigkeit in der Geldanlage lediglich für eine Modeerscheinung. Dazu sagt Prof. Dr. Michael Heuser, Wissenschaftlicher Direktor der Diva GmbH: „Die durchaus vorhandene Skepsis bei über einem Drittel der Bevölkerung gegenüber nachhaltigen Geldanlagen sollte der Politik und genauso der Finanzwirtschaft Anlass zur Reflexion geben. Zu diesem Misstrauen trägt sicherlich auch die Entscheidung der Europäischen Union bei, Atomenergie und Investitionen in neue Atomkraftwerke als nachhaltige Übergangstechnologie einzustufen. Gerade deutsche Anleger sehen das anders oder dürften angesichts der Energiepolitik der letzten Jahre zumindest irritiert sein. Und auch die Finanzwirtschaft muss Signale ernst nehmen, dass bei vielen Diskussionen Verdachtsmomente für ein sogenanntes ‚Greenwashing’ aufgekommen sind.“

Nachhaltigkeit bei Anlagekriterien weiterhin auf dem letzten Platz

 

Die Zurückhaltung gegenüber Nachhaltigkeitsthemen in Geldfragen spiegelt sich laut Diva-Befragung auch in den konkreten Anlageentscheidungen wider. Für mehr als die Hälfte der Befragten (59,4 Prozent) hatte Nachhaltigkeit bei der letzten getätigten Geldanlageentscheidung keine ausdrückliche Relevanz. In einer weiteren Frage sollten die Anlagekriterien Sicherheit, Rendite, Liquidierbarkeit und Nachhaltigkeit nach ihrer Wichtigkeit in eine Reihenfolge gebracht werden. Im Vergleich zur letzten Befragung des Unternehmens vor einem halben Jahr verändern sich die Ergebnisse dazu nur geringfügig: Sicherheit ist mit 41 Prozent weiterhin der dominierende Faktor. Rendite hat im Vergleich zur Wintererhebung leicht zugelegt und liegt nun bei 30 Prozent, gefolgt von Liquidität mit 17 Prozent. Nachhaltigkeit rutscht weiter ab und bleibt mit nun 12 Prozent Schlusslicht.

Jüngere sehen noch die größten Chancen bei nachhaltigen Geldanlagen

 

Die Detailergebnisse der Befragung zeigen, dass die Befragten Nachhaltigkeit zudem kaum mit anderen Anlagekriterien in Verbindung bringen. Nur 36 Prozent sind der Auffassung, dass sich nachhaltiges Anlegen langfristig risikomindernd auswirkt. Und nur wenige mehr (37,4 Prozent) bringen Nachhaltigkeit langfristig mit einer höheren Rendite in Verbindung – letzteres allerdings mit deutlichen Unterschieden zwischen den Altersgruppen. Während mehr als die Hälfte der 18- bis 29-Jährigen (54,9 Prozent) glaubt, dass nachhaltiges Anlegen langfristig eine höhere Rendite erwirtschaftet, schrumpft diese Überzeugung bei den Über-50-Jährigen auf weniger als 30 Prozent.

„Bei den konkreten Anlageentscheidungen geht es um Vermögensaufbau, die Entschuldung einer Immobilie oder um die eigene Altersvorsorge. Da ist es nachvollziehbar, dass die Menschen hier erst einmal an das eigene Portemonnaie denken“, sagt Heuser: „Für die Finanzbranche kann dies nur heißen, möglichst Anlageprodukte zu entwickeln, die gleichermaßen Sicherheit, Rendite und Nachhaltigkeit bieten. Unter Marketingaspekten wäre eine Überbetonung des Kriteriums Nachhaltigkeit nicht zielführend.“

BDV fordert finanzielle Anreize

 

Dr. Helge Lach, Vorsitzender des Bundesverbands Deutscher Vermögensberater (BDV), Träger des Diva, sieht ebenfalls die Politik in der Verantwortung: „Der Green Deal ist nur finanzierbar, wenn massiv privates Kapital in den Klimawandel investiert wird. Von allein ist ein Großteil der Bevölkerung dafür aber nicht zu gewinnen, das zeigen die Ergebnisse der Umfrage. Deshalb sollte darüber nachgedacht werden, nachhaltige Geldanlagen durch gezielte finanzielle Anreize, also Steuerersparnisse oder Zulagen, zu fördern. Beispiele wie vermögenswirksame Leistungen oder die Riester-Rente haben die Wirksamkeit solcher Anreize unter Beweis gestellt.“

Vermittler als Opfer schlechter Regulatorik

 

Kritisch sieht der BDV-Vorsitzende die Anfang August 2022 in Kraft getretene Verpflichtung für freie Berater und Vermittler, Kunden zu ihren Präferenzen zur Nachhaltigkeit zu befragen: „Die über 200.000 Vermittler in Deutschland wären die besten Botschafter für nachhaltige Geldanlagen und würden mit Sicherheit das Thema sehr schnell in der Bevölkerung verbreiten. Aber es ist ein Unding, dass die Verpflichtung nur für Versicherungsanlageprodukte, nicht aber für Investmentfonds gilt. Außerdem sind es am Ende die Vermittler, die den Ärger des Kunden abbekommen, wenn sich als nachhaltig deklarierte Geldanlagen im Nachhinein als Mogelpackung herausstellen. Man hätte alle Unstimmigkeiten der Taxonomie im Vorfeld beseitigen müssen, dann könnten die Vermittler ihrem Auftrag auch nachkommen“, so Lach.

 

Quelle: DIVAX Geldanlage Sommer 2022
Quelle: DIVAX Geldanlage Sommer 2022

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