28.06.2022 Sparten/Produkte

Lebensversicherung: Sind das die Modelle der Zukunft?

Eine Studie hat untersucht, wie Lebensversicherer in Europa ihre Geschäftsmodelle dem stetigen Wandel anpassen können. Anwendbar sind die Ideen und Prognosen der Autoren vor allem in Teilmärkten des Kontinents. Deutschland wird dabei nicht einmal genannt.

Ob die Lebensversicherungsbranche in Sachen neue Geschäftsmodelle das Rad neu erfinden wird, darf bezweifelt werden. Trends für die kommenden Jahre zeichnen sich aber bereits jetzt ab. (Foto: © Sergey Nivens - stock.adobe.com)
Ob die Lebensversicherungsbranche in Sachen neue Geschäftsmodelle das Rad neu erfinden wird, darf bezweifelt werden. Trends für die kommenden Jahre zeichnen sich aber bereits jetzt ab.
(Foto: © Sergey Nivens - stock.adobe.com)

Die Lebensversicherung wurde schon oft totgesagt. Tatsächlich hat ihr ihre Anpassungsfähigkeit bis heute eine hohe Bedeutung am Markt erhalten. Derzeitige Einflussfaktoren sind das anhaltende Niedrigzinsumfeld, die EU-Regulierung oder das Thema Nachhaltigkeit. Doch welche Zukunft hat die Lebensversicherung und welche Trends werden sie prägen? Und welche (neuen) profitablen Geschäftsmodelle ergeben sich für Versicherer? Diese Fragen behandelt die Studie „Geschäftsmodell Lebensversicherung 2025-2030 – Eine europäische Perspektive“ des IT-Dienstleisters Adesso Isurance Solutions und des Beratungsunternehmens Versicherungsforen Leipzig.

Chancen vor allem für die bAV, Biometrie- und Fondsprodukte

 

Laut Untersuchung ist davon auszugehen, dass der Markt künftig stärker durch biometrische Produkte und Fondspolicen ohne Garantien dominiert wird. Ebenso werde die Bedeutung betrieblicher Altersvorsorge (bAV) weiter zunehmen und auch international Potenzial bieten. Die Studienmacher weisen darauf hin, dass die Vorsorgesysteme in den europäischen Ländern völlig unterschiedlich aufgebaut sind. Der Anteil derjenigen, die für ihr Alter vorsorgen, reicht von 40 Prozent in Finnland bis zu 90 Prozent in Schweden. In Deutschland sind es 75 Prozent, der europäische Durchschnitt liegt bei 62 Prozent.

Digitalisierung und Nischenprodukte als Wettbewerbsvorteile

 

Die Studie zeige auch, dass der Digitalisierungsgrad im Vergleich zu anderen Sparten und Branchen noch gering ist. Digitalisierung, Prozesseffizienz und Fokussierung seien zentrale Herausforderungen für die Versicherer, um einen Wettbewerbsvorteil im Markt entwickeln zu können. Das wesentliche Unterscheidungsmerkmal werde im Bereich der Kosten liegen. Zudem werde sich der Trend zu zielgruppenspezifischen Nischenprodukten, zum Beispiel Risikolebensversicherungen für bestimmte Sportarten oder Altersvorsorge für spezielle Berufsgruppen, fortsetzen.

„Versicherungsunternehmen können eine Erfolg versprechende Strategie entwickeln, indem sie sich auf ihre eigenen Kompetenzen, Nischen und digitale Innovationen fokussieren“, sagt Harald Narloch, Geschäftsführer bei der Adesso Insurance Solutions GmbH. „Die zunehmende Angleichung der europäischen Regulierung heißt auch, dass Geschäftsmodelle über nationale Grenzen hinweg angepasst und eingesetzt werden können.“

Sechs Erfolg versprechende Modelle innerhalb Europas

 

Auf Basis der Analyse werden sechs Geschäftsmodelle als vielversprechend bezeichnet, die in den europäischen Ländern unterschiedlich ausgeprägt sind. Ein besonderer Fokus auf Deutschland unterbleibt allerdings. Insoweit fehlt eine Einordnung, welche der genannten Entwicklungen auch hierzulande zu erwarten sind. Hier die Übersicht:

1. Versicherer, die sich im Geschäftsmodell des Kostenführers bewegen wollen, setzen auf einfache Produkte mit niedrigen Abschlusskosten und digitalen Services. Die skandinavischen Länder haben hier eine Vorreiterrolle.

2. Wer sich zum Ökosystem-Anbieter entwickeln möchte, der muss ein umfassendes Leistungsspektrum aufbauen, mit dem er Kunden und Zulieferer erreichen kann. Hier zeigt sich in der Schweiz die Tendenz, dass sich Anbieter von bAV-Leistungen zusammenschließen.

3. Auf Märkten, in denen sich geeignete Ökosysteme bilden, können Versicherungsunternehmen als Ökosystem-Zulieferer auftreten. In Osteuropa bringen sich Versicherer als Partner im Ökosystem „Finanzen“ in Stellung, in den Niederlanden liefern Premium Pension Institutions (PPI) beziehungsweise Versicherer spezielle Vorsorgeprodukte für verschiedene Arbeitgeber.

4. Im Geschäftsmodell des Asset Managers richtet sich der Fokus auf die Kapitalanlage, was nicht nur für Schweizer Versicherer interessant ist. Um hierbei am Markt erfolgreich zu sein, werden Versicherungsprodukte benötigt, die rein fondsgebunden sind oder Garantien mit einer intelligenten Kapitalanlage verbinden.

5. Die Ausrichtung auf Biometrie-Produkte oder auf gesundheitsbewusste Zielgruppen führt zum Geschäftsmodell des Gesundheitsexperten. Dieses Modell findet sich in Spanien und im Vereinigten Königreich, wo vorherrschend biometrische Risiken wie Tod, Invalidität und schwere Krankheiten abgesichert werden. Neukunden werden hier oft im Rahmen von Immobilienfinanzierungen gewonnen.

6. Ein Zielgruppenversicherer konzentriert sich auf bestimmte Nischen. Dabei gibt es oft Überschneidungen zwischen verschiedenen Geschäftsmodellen. So kommt zum Beispiel beim Bedienen der Zielgruppe des kostenbewussten Verbrauchers auch das Geschäftsmodell des Kostenführers zum Tragen. Dieses Geschäftsmodell dominiert den französischen Markt.

Der Fokus auf der aktuellen Produktentwicklung zeigt, worauf die Gesellschaften zukünftig vermutlich setzten werden. Hier einmal ausschließlich mit dem Blick auf Deutschland. (Quelle: Adesso)

Studie: „Geschäftsmodell Lebensversicherung 2025-2030“

Das Design der Studie umfasste laut den Herausgebern vier Phasen: Die erste beinhaltete die Recherche und inhaltliche Bewertung bestehender Studien und Publikationen sowie die Ableitung von möglichen Treibern und deren Auswirkungen. Darauf folgten in einer zweiten Phase Experteninterviews mit 14 Branchenvertretern aus europäischen Versicherungsunternehmen. Anschließend wurden Interviews mit 62 Aktuaren zur Erhebung eines Stimmungsbildes geführt und schließlich die Ergebnisse zusammengeführt, um Zukunftsbilder und -chancen abzuleiten.

Die Studie kann hier heruntergeladen werden.


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