11.02.2022 Sparten/Produkte

Verbraucherschützer: Breitseite gegen Riester

Die Verbraucherschützer Axel Kleinlein und Gerhard Schick halten die gesetzliche Rentenversicherung gegenüber privaten Anbietern für überlegen: Riester solle abgeschafft und durch ein öffentliches Produkt ersetzt werden. Die Forderungen sind bekannt, die Wortwahl wird indes drastischer.

Die Riester-Rente eine Erfolgsgeschichte? Nicht für lauthals protestierende Verbraucherschützer. Sie wünschen sich die Abschaffung und als Ersatz einen Staatsfonds. (Foto: © eelnosiva - stock.adobe.com)
Die Riester-Rente eine Erfolgsgeschichte? Nicht für lauthals protestierende Verbraucherschützer. Sie wünschen sich die Abschaffung und als Ersatz einen Staatsfonds.
(Foto: © eelnosiva - stock.adobe.com)

Zumindest gute Bilder gab es: blauer Himmel und im Hintergrund mit dem Bundeskanzleramt das Machtzentrum deutscher Politik. Es war ein plakativer Aufmarsch an diesem Maitag 2021 in Berlin: Axel Kleinlein vom Bund der Versicherten (BdV), Gerhard Schick von der Bürgerbewegung Finanzwende, Klaus Müller vom Verbraucherzentrale Bundesverband und ein paar Getreue. Plakativ, weil die Forderung der selbsternannten Verbraucherallianz groß zu lesen war: „Stoppt die Riester-Rente – sonst sehen wir alt aus“. Dazu drei weitere Plakate mit den gealterten Spitzenkandidaten Baerbock, Scholz und Laschet. Außer dieser Szenerie, die durch die Medien ging, ist einen Bundestagswahlkampf und einen Koalitionsvertrag später nicht viel geblieben. Die Riester-Rente wurde immer noch nicht reformiert, die Forderungen sind die altbekannten und alle Interessenvertreter in Sachen Altersvorsorge merken, wie vergleichsweise unwichtig ihr großes Thema derzeit in der Bundespolitik zu sein scheint. Corona, Klima, Ukraine – wo soll da Platz für die Riester-Rente sein?

Ein Doppel eröffnet die nächste Runde im Riester-Streit

 

Lobbyisten neigen dazu, dann in den Trotzmodus zu schalten. Sie werden noch verbissener und nutzen jede noch so kleine Gelegenheit, ihre Forderungen zu artikulieren, egal wie oft sie diese schon durchbuchstabiert haben. Das kennt man von der Verbänden der Versicherungswirtschaft genauso wie von den nicht minder sendungsbewussten Herren der Verbrauchervereine. Nun der nächste Aufschlag oder womöglich Return, das kann bei dem ganzen Geplänkel keiner so richtig sagen: ein gemeinsames Interview im „Manager Magazin“ von BdV-Vorstandssprecher Axel Kleinlein und Gerhard Schick, der vor seinem selbstgewählten Nischendasein als Geschäftsführer der Bürgerbewegung Finanzwende e.V. finanzpolitischer Sprecher der Grünen im Bundestag war.

Kein Comeback, stattdessen ein müffelnder Ladenhüter

 

Doch statt mit Angriffsspiel beginnt das Gespräch mit Abwehrversuchen. Denn natürlich konfrontiert Interviewer Lutz Reiche seine beiden Gesprächspartner mit der überraschend hohen Zahl von 310.000 Verträgen im Riester-Neugeschäft 2021. Eine Zahl, die – kaum veröffentlicht vor ein paar Wochen – Branchenakteure wie den Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) in Jubelarien ausbrechen und vom großen Riester-Comeback sprechen ließ.

Kleinlein ficht das nicht an: „Die Riester-Rente ist schon seit Jahren ein müffelnder Ladenhüter“, sagt der BdV-Chef. Daran könne auch eine leichte Steigerung der Verkaufszahlen nichts ändern. Sogar die Kapitallebensversicherung, laut Kleinlein ein uraltes Auslaufmodell aus dem letzten Jahrhundert, verkaufe sich seit Jahren besser als die Riester-Rente. Gegenüber dem „Manager Magazin“ behauptet er, dass auch viele Verträge wieder gekündigt würden, da sie unter hohem Druck verkauft worden seien. Schick schlägt in die gleiche Kerbe. Er führt den Erfolg auf die Vertriebskraft der Branche zurück, nicht auf die Qualität des Produktes. „Versicherungen werden verkauft — und nicht gekauft“, sagt er. Das Comeback der Riester-Rente sei eine schöne Erzählung, die an der Realität vieler Menschen vorbeigehet.

Neustart, um bekannte Fehler zu überwinden

 

Zentrales Problem aus Sicht der Verbraucherschützer: Die Versicherer würden mit absurd hohen Lebenserwartungen die Renten kleinrechnen. Bei manchen Anbietern seien es 150 Jahre. Und gerade junge Leute hätten so mit der Riester- und Rürup-Rente kaum die Chance, „in Form einer Rente das rauszubekommen, was in den Vertrag einfließt. Da sei selbst eine Rendite von null Prozent kaum zu erwarten“, so Kleinlein.

Beide Interviewten fordern einen kompletten Neustart in der privaten Altersvorsorge ohne Riester. „Die Fehler sind seit zehn Jahren ausgiebig analysiert und diskutiert: zu hohe Kosten, ein überflüssiger Verrentungszwang und intransparente Verträge“, sagt Kleinlein. Die Ampel-Koalition müsse bei Riester die Reißleine ziehen. Der promovierte Volkswirt Schick hält die Riester-Rente für nicht reformierbar. 20 Jahre Riester bedeuten aus seiner Sicht „20 Jahre mit vielen ineffizienten und teuren Produkten“.

Foto: Bund der Versicherten

Sogar die Kapitallebensversicherung, ein uraltes Auslaufmodell aus dem letzten Jahrhundert, verkauft sich seit Jahren besser als die Riester-Rente.

Axel Kleinlein. Geschäftsführer Bund der Versicherten e.V.

Private Vorsorge über ein staatliches Produkt

 

Als Alternative zu Riester schlagen deren Gegner ein öffentlich organisiertes Angebot vor, das bei der Deutschen Rentenversicherung (DRV) angesiedelt sein soll und die private Assekuranz damit faktisch ausschließt. Aus Sicht Kleinleins ist die gesetzliche Rente „ein echtes Erfolgsmodell, das den Angeboten der Versicherer klar überlegen ist. Neben Altersrenten leistet die DRV ja auch noch Erwerbsminderungsrenten, Beitragszuschüsse zur Kranken- und Pflegeversicherung und noch mehr. Zeigen Sie mir ein privates Versicherungsprodukt mit vergleichbaren Leistungen“, beschwört der Interessenvertreter im Interview die Vorzüge der Deutschen Rentenversicherung. Dabei müsse diese für das neue Vorsorgeprodukt gar nicht Produktgeber oder gar Fondsmanager sein. Öffentlich organisiert heiße, dass jemand „Sparern gegenüber verantwortlich ist – und nicht gegenüber Aktionären“. 

Wichtig sei zudem, dass der Staat keinen Zugriff auf das Geld habe. Er solle vielmehr den Rahmen schaffen, um die Kosten in der privaten Altersvorsorge in den Griff zu bekommen. „Bisher fließt bei manchen Angeboten fast ein Viertel der eingezahlten Gelder in die Kosten. Das können wir uns nicht länger leisten“, sagt Ökonom Schick.

Schweden als Vorbild nehmen

 

Als Vorbild nennen die beiden Verbündeten Schweden: Dort zahlt jeder verpflichtend 2,5 Prozent des Rentenbeitrags in einen staatlich organisierten Vorsorgefonds ein. Vorbildlich seien hier „die stärkere Ausrichtung auf Aktien und vor allem die geringen Kosten“, sagt Schick. Kleinlein ergänzt, dass eine „diffuse Angst der Deutschen vor Wertpapieren und Kapitalanlagen“ ein ähnliches Modell in Deutschland mit verhindert habe: eine Angst, die auch lange Zeit von der Versicherungsindustrie geschürt worden sei. Bürger müssten sich nun mit Ideen wie einem kapitalgedeckten Obligatorium oder dem Aktiensparen stärker auseinandersetzen und lernen. Eines ist für Kleinlein und Schick dabei klar: Die Lebensversicherer sollen in jedem Fall nicht wieder mitmischen. Sonst könnte es zum nächsten Aufmarsch kommen.


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