01.06.2022 Branche

Aktuare: Inflation macht auch vor Versicherern nicht halt

Prognose der Deutsche Aktuarvereinigung: Die aktuellen Preissteigerungen werden über kurz oder lang auch zu Prämienanpassungen für die Versicherungskunden führen. Gleichzeitig lassen höhere Kapitalerträge auf sich warten. Der Verein fordert erneut eine Lockerung der Vorgaben für die private und betriebliche Altersvorsorge.

Noch gibt sich die Versicherungswirtschaft vom Thema Inflation weitgehend unbeeindruckt. Aber die kurz- bis mittelfristigen Folgen dürften vor allem die Kunden zu spüren bekommen. (Foto: © jirsak - stock.adobe.com)
Noch gibt sich die Versicherungswirtschaft vom Thema Inflation weitgehend unbeeindruckt. Aber die kurz- bis mittelfristigen Folgen dürften vor allem die Kunden zu spüren bekommen.
(Foto: © jirsak - stock.adobe.com)

Laut einer aktuellen Einschätzung der Deutschen Aktuarvereinigung (DAV) werden sich die Folgen der massiv angestiegenen Inflation kurz- bis mittelfristig auch in nahezu allen Sparten des deutschen Versicherungswesens niederschlagen.

Massive Preissteigerungen bei Material-, Handwerker- und Reparaturkosten

 

So sei beispielsweise der in der Wohngebäudeversicherung wichtige Baupreisindex im vergangenen Jahr um über 14 Prozent gestiegen, der größte Anstieg seit 51 Jahren. „Neben den Effekten durch den Wegfall der befristeten Mehrwertsteuersenkung 2020 spiegeln sich hier vor allem die extrem gestiegenen Material- und Handwerkerkosten wider“, sagt Dr. Maximilian Happacher, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der DAV. Stark steigende Preise beobachteten die Aktuare aktuell auch bei Kfz-Ersatzteilen und Reparaturkosten, wodurch der sogenannte „Reparaturkostenindex Kraftfahrt“ stetig höher werde. „Aus diesen Daten lassen sich aber keine generellen Prognosen zu künftigen Prämienentwicklungen ableiten, da Umfang und Geschwindigkeit von Preisanpassungen stark unternehmensindividuell sind“, so Happacher.

PKV: Auswirkungen auf Prämien kommen verzögert

 

Aber nicht nur in der Schaden-, sondern auch in der Privaten Krankenversicherung (PKV) sehen sich die Unternehmen laut DAV mit deutlichen Preissteigerungen konfrontiert. Bisher sei der medizinisch-technische Fortschritt Treiber der Gesundheitskosten gewesen, der durch die Inflation nicht per se beschleunigt werde. Nun sei zum Beispiel damit zu rechnen, dass die ohnehin seit Jahren steigenden Medikamentenpreise zusätzlich von steigenden Herstellungskosten getrieben werden. Happacher: „Es bleibt zudem abzuwarten, welche Folgen die Inflationsentwicklung auf die kommenden Tarifabschlüsse und damit die Lohnkosten im Gesundheitswesen hat. Das ist die große Unbekannte in allen derzeitigen Modellen.“ Aufgrund des komplexen Prämienanpassungsverfahrens in der PKV werden sich die inflationsbedingten Kostensteigerungen nach DAV-Angaben flächendeckend frühestens in den Beitragsanpassungen für 2024 niederschlagen.

Kein Zweifel am Wandel hin zu mehr kapitalgedeckter Altersvorsorge

 

Anders stelle sich die Situation in der Lebensversicherung dar, die wie jede langfristige Sparform aktuell darunter leide, dass die Nominalverzinsung derzeit langsamer steige als die Inflation. „Leider ist die Realverzinsung bei Bank- und Versicherungsprodukten, die nicht in Aktien oder andere chancenreiche Substanzwerte investieren, im Moment so negativ wie nie zuvor und sie wird mittelfristig auch negativ bleiben“, sagt Happacher. Daraus aber den Schluss zu ziehen, weniger oder gar nicht mehr zu sparen, wäre nach seiner Ansicht ein großer Fehler. „Denn die Inflation ändert nichts daran, dass die Menschen künftig mehr statt weniger kapitalgedeckte Altersvorsorge benötigen.“

Vollständigen Beitragserhalt abschaffen und Zinsen erhöhen

 

Die DAV plädiert hier für zwei Maßnahmen: Erstens sollte die Politik die rechtlichen Rahmenbedingungen so anpassen, dass Versicherer mehr in chancenreiche Anlagen investieren können. Dies beginne mit einer Lockerung der Vorgaben für den vollständigen Beitragserhalt bei Riester bzw. in Teilen der betrieblichen Altersversorgung und umfasst auch die Anpassung handels- oder aufsichtsrechtlicher Hürden für Investments in Aktien und Infrastruktur. „Dies betrifft insbesondere auch Investments im Zuge des nachhaltigen Umbaus der Gesellschaft, den sogenannten Green Deal“, so Happacher. Zum zweiten sei jetzt die Europäische Zentralbank gefordert, dem Vorbild der US-amerikanischen Fed zu folgen und die Zinsen schrittweise zu erhöhen.

Zinszusatzreserve sollte bald ausfinanziert sein

 

Die Kapitalmärkte würden sich bereits auf das Ende der Ära des ultrabilligen Geldes einstellen, was sich seit einigen Monaten in steigenden Zinsen für festverzinsliche Wertpapiere zeige, heißt es in der Stellungnahme. Bereits dieser Zinsanstieg schlage sich zum einen spürbar positiv in den Solvenzquoten der Versicherer nieder. „Wir erwarten für das erste Quartal 2022 noch einmal deutlich bessere Werte als zum Ende 2021“, sagt DAV-Vorstand Dr. Guido Bader. Und zum anderen dürfte die seit 2011 zu stellende Zinszusatzreserve inzwischen in vielen Versicherungsunternehmen komplett ausfinanziert sein. „Sollte sich das aktuelle Zinsniveau verstetigen, wird die Zinszusatzreserve im Branchenschnitt Ende 2021 mit knapp 100 Milliarden Euro wohl ihren Höchststand erreicht haben und wird in den kommenden Jahren sogar leicht fallen“, so Bader.

Kurzfristig keine höheren Überschussbeteiligungen zu erwarten

 

Dies bedeute vermutlich aber nicht, dass die Kunden bereits kurzfristig mit steigenden Überschussbeteiligungen rechnen dürften. Denn durch den aktuellen Zinsanstieg werden laut DAV in den HGB-Bilanzen der Versicherer sogenannte Stille Lasten aufgebaut. Diese würden nach Erwartung der Aktuare in vielen Häusern zunächst mit den freiwerdenden Mitteln aus der Zinszusatzreserve ausgeglichen werden. „Erst mittel- bis langfristig werden die Auflösung der Zinszusatzreserve sowie die höheren Zinsen bei der Neu- und Wiederanlage der Versichertenbeiträge den Versicherungsnehmenden unseres Erachtens in Form höherer Kapitalerträge zugutekommen“, erwartet Bader. Zeitpunkt und Ausgestaltung hingen sehr stark von Unternehmensspezifika ab, sodass keine generelle Prognose möglich sei.


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