04.03.2022 Branche

GDV: Solidaritäts­bekundungen nach Twitter-Fauxpas

Einen Tweet des GDV-Haupt­ge­schäfts­füh­rers Jörg Asmussen zum Ukraine-Krieg empfanden einige Twitter-Nutzer als gefühl- und stillos. Der Verband hatte seine Aussagen wortgleich verbreitet. Seitdem bemühen sich GDW wie Asmussen darum, die große Solidarität der Branche zu betonen und den Krieg zu verurteilen.

Twitter gilt als Empörungsmedium: Nun musste auch GDV-Cheflobbyist Jörg Asmussen die Erfahrung machen, wie es ist, den Zorn auf der Plattform auf sich zu ziehen. (Foto: © wachiwit - stock.adobe.com)
Twitter gilt als Empörungsmedium: Nun musste auch GDV-Cheflobbyist Jörg Asmussen die Erfahrung machen, wie es ist, den Zorn auf der Plattform auf sich zu ziehen.
(Foto: © wachiwit - stock.adobe.com)

Jörg Asmussen twittert gern und viel. Auf der Social-Media-Plattform präsentiert er sich nicht nur als Hauptgeschäftsführer des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV), sondern auch als Wahlberliner, Radfahrer, Europäer oder „Urban Gardener“, was wohl so viel wie Hobbygärtner in der Großstadt bedeuten soll. Stand heute (4. März 2022) hat Asmussen 2993 Tweets abgesetzt und das in zwei Jahren. Er hat gerade mal 2185 Follower und seine Posts gehören in der Regel nicht zur Kategorie „Aufsehenerregend“. Als ehemaliger Staatssekretär in zwei Bundesministerien kennt Asmussen die Fallstricke politischer Kommunikation bestens.

GDV-Hauptgeschäftsführer twittert zu den Kriegsfolgen für seine Branche

 

Sachlich klangen auch die Tweets von Asmussen am 24. Februar, dem Tag des ersten Angriffs auf die Ukraine durch russische Truppen, als er in seinem privaten Account schrieb: „Der #Krieg in der #Ukraine hat für die deutschen Versicherer nur geringe direkte wirtschaftliche Auswirkungen, da sie kaum in der Ukraine und in Russland engagiert sind. Die Auswirkungen von Kriegen auf die internationalen Kapitalmärkte sind kurzfristig oft stark, aber selten langfristiger Natur.“ In einem zweiten Tweet schrieb er: „Abzuwarten bleiben die Auswirkungen durch absehbare Wirtschafts- und insbesondere Finanzsektorsanktionen. Gesamtwirtschaftlich und damit auch indirekt auf die deutschen Versicherungen wirken erhöhte geopolitischen Unsicherheiten und höhere Energie- und Nahrungsmittelpreise belastend.“ Wichtig zu wissen: Auch der GDV verbreitete diese Aussagen als Stellungnahme von Asmussen über seinen Presseverteiler am gleichen Tag.

Verständnislose Reaktionen: „Beschämend unempathischer Tweet“

 

Offenbar missfiel gerade diese nüchterne, rein wirtschaftliche Betrachtung des entflammten Krieges einigen Lesen, die Asmussen unter anderem fehlendes Fingerspitzengefühl unterstellten. Ein Nutzer antwortete sarkastisch: „Das ist eine wirklich schöne Art, seine Betroffenheit zu einem unnötigen Krieg vor der Haustür und über die vielen Toten sowie die Ablehnung einer völkerrechtlichen Katastrophe zum Ausdruck zu bringen... Respekt!!!“. „Beschämend unempathischer Tweet“ lautete ein weiterer Kommentar. „Glauben Sie ernsthaft, das interessiert jetzt jemanden? Es ist stillos!“, sagte ein anderer User. „Seit fast 25 Jahren arbeite ich in beziehungsweise für die deutsche Versicherungsindustrie. Diese Stellungnahme des Verbandes schockiert mich und macht mich fassungslos“, hieß es in einem weiteren Tweet. Bei diesen wenigen Antworten darf man keineswegs von einem Shitstorm sprechen, sie reichten aber, um dem Verband und Asmussen einige negative Berichte in den Branchenmedien zu bescheren.

Foto: GDV

Zu der vorläufigen Kurzanalyse stehe ich weiterhin. Aber was in diesem Statement nicht deutlich wurde, wir verurteilen diesen Angriffskrieg und unsere Gedanken sind bei den Menschen in der Ukraine. Das hätten wir deutlicher sagen müssen. Ich bedaure, dass ein falscher Eindruck entstanden ist.

Jörg Asmussen, Hauptgeschäftsführer des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft

Entschuldigung folgt prompt, aber nicht auf Twitter

 

Auf Twitter selbst reagierte Asmussen direkt nicht, postete in den vergangenen Tagen aber auffallend viele Solidaritätsbekundungen, Bilder und Videos von ukrainischen Flüchtlingen auf deutschen Bahnhöfen oder teilte Posts von Spendenaktionen hiesiger Versicherer für das betroffene Land. Eine Entschuldigung gab es auch, allerdings auf der Netzwerk-Plattform LinkedIn statt auf Twitter. Dort schrieb Asmussen bereits einen Tag nach den strittigen Tweets: „Lessons learned. Ich und damit der GDV als großer Wirtschaftsverband wurden gestern kritisiert, wie wir uns zu den ökonomischen Folgen des Ukraine-Kriegs geäußert haben. Zu der vorläufigen Kurzanalyse stehe ich weiterhin. Aber was in diesem Statement nicht deutlich wurde, wir verurteilen diesen Angriffskrieg und unsere Gedanken sind bei den Menschen in der Ukraine. Das hätten wir deutlicher sagen müssen. Ich bedaure, dass ein falscher Eindruck entstanden ist.“

GDV versucht Eindruck zu korrigieren

 

Auf der Homepage des GDV wurden seine Aussagen am 25. Februar in dem Beitrag „Stand with Ukraine – und die Folgen des Kriegs für deutsche Versicherer“ zwar wiederholt und inhaltlich konkretisiert. Vorangestellt wurde dem Ganzen jedoch eine Solidaritätsbekundung: „Die russische Armee hat das Nachbarland Ukraine angegriffen. Die Invasion bedeutet Krieg mitten in Europa, Leid für die Bevölkerung und zieht zahlreiche Sanktionen des Westens sich. Für die Versicherungsbranche gilt: We #standwithUkraine.“ Asmussen wird in dem Beitrag wie folgt zitiert: „Wir verurteilen diesen Angriffskrieg und unsere Gedanken sind bei den Menschen in der Ukraine.“

Versicherer und ihre Beschäftigten zeigten bereits große Solidarität

 

Diese Woche legt der Verband mit einem weiteren Beitrag noch einmal nach, der den Blick auf das Engagement der Branche lenken soll. GDV-Präsident Wolfgang Weiler wird darin mit diesen Worten wiedergegeben: „Die Hilfsbereitschaft der Versicherer und ihrer Beschäftigten beeindruckt mich sehr. Die Ukrainer und Ukrainerinnen verdienen in dieser für sie schweren Stunde jede Unterstützung.“ Die deutschen Versicherer und ihre Beschäftigten beteiligten sich mit zahlreichen Initiativen an Hilfsaktionen für die Menschen in der Ukraine. Das Volumen gehe bereits jetzt in den zweistelligen Millionenbereich. Laut Weiler hat auch sein Verband unter seinen Mitarbeitern ebenfalls eine Spendenaktion ins Leben gerufen.


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