15.02.2022 Branche

Wer sich überhaupt für Nachhaltig­keitsberichte interessiert

Kunden und Vermittler scheinen den Nachhaltigkeitsberichten der Versicherer bisher wenig Beachtung zu schenken, ganz anders Ratingagenturen oder Aktionäre. Das geht aus einer gemeinsamen Studie von Ernst & Young und V.E.R.S. Leipzig hervor.

Seit 2017 besteht für kapitalmarktorientierte Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von mehr als 40 Millionen Euro eine Pflicht zur Nachhaltigkeitsberichterstattung. (Foto: © Song_about_summer - stock.adobe.com)
Seit 2017 besteht für kapitalmarktorientierte Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von mehr als 40 Millionen Euro eine Pflicht zur Nachhaltigkeitsberichterstattung.
(Foto: © Song_about_summer - stock.adobe.com)

Kunden, Vermittler und Öffentlichkeit interessieren sich bisher noch wenig für die Nachhaltigkeitsberichte der Versicherer. Das ist ein wesentliches Ergebnis der Studie „Game Changer Nachhaltigkeit“ – Wie gelingt die grüne Transformation der Versicherungsbranche?“ der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young (EY) und der V.E.R.S. Leipzig GmbH. In der Studie wurden verantwortliche Führungskräfte von Erst- und Rückversicherern sowie Vertriebsgesellschaften u. a. zum Status quo von Nachhaltigkeit in der Versicherungsbranche und im eigenen Unternehmen, zu bestehenden Herausforderungen nachhaltigen Wirtschaftens sowie zu daraus resultierenden möglichen Lösungsansätzen befragt.

Interesse bisher bei Ratingagenturen am größten

 

Grundsätzlich rückt die Nachhaltigkeitsberichterstattung, auch aufgrund der künftigen Prüfungsplicht, zunehmend in den Fokus der Versicherungswirtschaft. So messen 88 Prozent der Erst- und Rückversicherer dem Thema eine hohe bis sehr hohe Bedeutung bei. Dafür interessieren sich bislang jedoch nur wenige, für die eigentliche Zielerreichung nur indirekt relevante Zielgruppen, nämlich Ratingagenturen, Aufsicht und Aktionäre. Insbesondere den Ratingagenturen wird mit 90 Prozent eine hohe bis sehr hohe Bedeutung beigemessen. Grund dafür ist laut den Studienautoren die Einbeziehung der Daten aus den Nachhaltigkeitsberichten in die Ratingermittlung.

„Neben einer erfolgreichen Nachhaltigkeitstransformation ist eine konsistente Außen- und Innendarstellung durch die Unternehmenskommunikation notwendig, die alle Stakeholder adressiert“, sagt Thomas Korte, Partner und Head of Insurance bei EY. „Ratings und Berichte sind kein Selbstzweck. Kunden und Vermittler müssen in den Fokus der Berichterstattung rücken, denn sie sind die eigentlich relevante Gruppe, um Nachhaltigkeitsziele zu erreichen.“

Nachholbedarf auch in der Kommunikation

 

Auch im Bereich der Nachhaltigkeitskommunikation hat die Versicherungswirtschaft laut der Studie noch Verbesserungspotenzial. Zwar würden viele Unternehmen auf ihren Nachhaltigkeitsbericht und auf verschiedene Einzelmaßnahmen verweisen, über eine dezidierte Kommunikationsstrategie verfügten jedoch die wenigsten. „Nachhaltigkeit ist kein Trend, sondern Voraussetzung für wirtschaftlich erfolgreiches Handeln“, so Armin Henatsch, Director Consulting, Sustainable Finance Lead Insurance bei EY. Auch wenn die Bedeutung bei Vorständen und Aufsichten zunehme, reiche das nicht aus. „Wer sich langfristig am Markt behaupten will, muss Nachhaltigkeit in die Unternehmens-DNA integrieren.“

Versicherer erkennen viele wichtige Nachhaltigkeitsziele 

 

Die Studie untersuchte auch die wichtigsten Nachhaltigkeitsziele aus Sicht der Versicherer. Mit einem Indexwert von 89 auf einer Skala von 0 bis 100 ist der Themenkomplex nachhaltiges Wirtschaftswachstum, nachhaltige Konsum- und Produktionsweisen sowie eine nachhaltige widerstandsfähige Infrastruktur das wichtigste Branchenziel. Darauf folgt an zweiter Stelle der Themenkomplex Sofortmaßnahmen gegen den Klimawandel mit einem Indexwert von 87. Der Schutz von Landökosystemen und die nachhaltige Nutzung der Ozeane sind mit einem Indexwert von 83 das drittwichtigste Nachhaltigkeitsziel.

Positionierung als attraktiver Arbeitgeber

 

Der am häufigsten genannte Motivationsfaktor hin zu mehr Nachhaltigkeit ist die Positionierung als attraktiver Arbeitgeber – auch zur Erreichung von Recruiting-Zielen (Indexwert: 93). Insbesondere die soziale Komponente von ESG wird von Beschäftigten stark nachgefragt, so die Experten von EY und V.E.R.S. Leipzig. Umweltschutz und Klimawandel sind zweitwichtigster Motivator (Indexwert: 89). Ein weiterer Motivator, insbesondere von Rückversicherern, ist es, Gutes für die Gesellschaft zu tun (Indexwert: 88). Aber auch die Erfüllung regulatorischer Anforderungen wird mit einem Zustimmungswert von 87 als motivierender Faktor genannt.


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