29.07.2022 Branche

Wirtschaft fühlt sich von Versicherern im Stich gelassen

Der Gesamtverband der versicherungsnehmenden Wirtschaft kritisiert die umfassenden Ausschlüsse, die manche Versicherer offenbar in weltweit geltenden Verträgen aufnehmen. Dass ganze Regionen quasi als unversicherbar gelten sollen, steht in engem Zusammenhang mit dem Krieg Russlands gegen die Ukraine.

Manche Versicherer wollen ihre in Russland tätigen Industriekunden per Territorialausschluss nicht mehr versichern. (Foto: © rustamank - stock.adobe.com)
Manche Versicherer wollen ihre in Russland tätigen Industriekunden per Territorialausschluss nicht mehr versichern.
(Foto: © rustamank - stock.adobe.com)

Vor allem Industrieunternehmen beobachten mit Sorge, dass einige Versicherungsgesellschaften sogenannte Territorialausschlüsse für Russland, Belarus und die Ukraine verlangen. Darüber berichtet unter anderem das „Handelsblatt. Mit den neuen Klauseln wollen die Versicherer Schäden, die sich in der Region ereignen, beziehungsweise Risiken mit Bezug zu Russland ganz oder zu großen Teilen vom Versicherungsschutz ausschließen.

Augenmaß gefordert



Der Gesamtverband der versicherungsnehmenden Wirtschaft (GVNW), der die Interessen von Einzelunternehmen und global operierenden Konzernen gegenüber der Assekuranz vertritt, sieht dafür keine Rechtfertigung. Unter anderem seien die Versicherer durch Sanktionsklauseln und Kriegsausschlüsse hinreichend geschützt. „Wir appellieren daher an die Versicherungswirtschaft, bei der Analyse und Bewertung geopolitischer Risiken das Augenmaß nicht zu verlieren", zitiert das „Handelsblatt“ GVNW-Geschäftsführer Stefan Rosenowski. Wenn die Versicherer den Unternehmen empfehlen, sich nun verstärkt lokalen Versicherungsschutz zu verschaffen, widerspreche dies dem Konzept eines integrierten internationalen Versicherungsprogramms, so Rosenowski: „Mit einem kompletten Territorialausschluss schießen die Versicherer weit über das Ziel hinaus, weil damit auch die Lieferung erlaubter Güter, wie zum Beispiel von Babynahrung, Medikamenten, speziellen medizinischen Produkten oder Saatgut, nach Russland erschwert oder verhindert würde.“

Tatsächlich haben etliche Versicherer auf das Sanktionsregime gegenüber Russland reagiert. So hatte die Allianz entschieden, sich aus Russland zurückzuziehen und die Mehrheit an den dortigen Tochtergesellschaften zu verkaufen. Der Industrieversicherer des Konzerns AGCS hat das Neu- und das Erneuerungsgeschäft in Russland bereits eingestellt.

Sanktion und Reaktion



Dagegen schaffen Territorialausschlüsse nach Ansicht der Versicherer in der schwierigen geopolitischen Lage eine gewisse Klarheit. Versicherer aus der EU und den USA hätten in der Vergangenheit als Rückversicherer von lokalen russischen Gesellschaften agiert und so lokale Deckungen innerhalb globaler Versicherungsprogramme bereitgestellt. Doch als Reaktion auf die Sanktionen hat Russland es inländischen Versicherern gesetzlich untersagt, Geschäfte mit Rückversicherern oder Maklern aus „unfreundlichen Staaten“ wie Deutschland zu tätigen. Internationale Unternehmen, die weiterhin in Russland tätig seien, müssten sich daher eine lokale Deckung bei einem russischen Versicherer suchen. Dazu gebe es aktuell keine Alternative.

Schleichende Ausweitung befürchtet

 

Der GVNW weist darauf hin, dass es für Unternehmen oft nicht möglich sei, sich sofort aus den betroffenen Ländern zurückzuziehen. Somit entfiele möglicherweise ein Versicherungsschutz, obwohl schon Prämien bezahlt worden seien. Die Warentransportversicherer hätten die Versicherung der Kriegsgefahren für Luft-, Post- und Seebeförderungen gekündigt. Weitreichende Länderausschlüsse, die auch Verluste oder Beschädigungen von Waren in von den Kriegshandlungen weit entfernten Regionen umfassten, seien nicht notwendig. 

Mögliche Schwierigkeiten bei der Schadenregulierung könnte man dadurch umgehen, dass Leistungenausschließlich in Deutschland erbracht würden. Unklar sei zudem, wie lange ein Territorialausschluss gilt – und was bei einer sich verändernden Risikolage passiert. Der GVNW warnt davor, die LIste ausgeschlossener Länder könne länger werden, sobald irgendwo auf der Welt politische Konflikte auftreten. Das wäre aus Sicht der deutschen Wirtschaft inakzeptabel, denn die Unternehmen brauchten verlässliche Partner, die einen risikoadäquaten Versicherungsschutz zur Verfügung stellen.


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