10.08.2021 Studien | Tests

Rechtsschutzversicherung: Teurer Anwalt, günstig versichert

Wer juristischen Beistand sucht, braucht ein volles Bankkonto – oder eine leistungsstarke Rechts­schutz­versicherung. FOCUS-MONEY-Versicherungsprofi hat Tarife für Familien und Singles verglichen.

Job, Straßenverkehr oder Nachbarschaft – Anlässe für einen Streit gibt es genug. Viele brauchen einen teuren Anwalt, um ihr Recht einzuklagen. (Foto: © freshidea - stock.adobe.com)
Job, Straßenverkehr oder Nachbarschaft – Anlässe für einen Streit gibt es genug. Viele brauchen einen teuren Anwalt, um ihr Recht einzuklagen.
(Foto: © freshidea - stock.adobe.com)

Ausgaben für Anwälte und Gerichte deutlich gestiegen.

Knapp jeder dritte Deutsche hat sich schon mal bei seinem Nachbarn beschwert – am häufigsten wegen Lärmbelästigung, geht aus einer Umfrage der Gothaer hervor. Die Corona-Pandemie dürfte diese Entwicklung noch verstärkt haben. Home-Office-Pflicht, Kinderbetreuung oder die Angst vor Ansteckung zwingen dazu, mehr Zeit im häuslichen Umfeld zu verbringen. Das Konfliktpotenzial in der Nachbarschaft wächst. Auch wenn der Arbeitgeber mit einer fadenscheinigen Begründung kündigt oder der Unfallgegner jede Schuld am Schaden des Autos von sich weist – oft hilft nur ein Rechtsstreit, um Ansprüche erfolgreich geltend zu machen. Doch es wird immer teurer, sein Recht durchzusetzen. Allein von 2012 bis 2018 stiegen die durchschnittlichen Ausgaben für Anwälte und Gerichte um etwa 22 Prozent, so der Branchenverband GDV. Zudem ist mit Beginn des Jahres 2021 ist eine deutliche Erhöhung der Gebührensätze eingetreten. „Damit ist es um zehn Prozent teurer geworden, sein Recht einzuklagen“, sagt Hanns-Ferdinand Müller, Vorstand des Prozessfinanzierers Foris.

Fast jeder Zweite ohne Rechtsschutz.

Bei einem Streitwert von 15.000 Euro liegen die eigenen Kosten für Anwalt und Gericht jetzt schon bei 3132 Euro, das sind rund 300 Euro mehr als vor der Gebührenreform. Über zwei Instanzen summiert sich das eigene Kostenrisiko bis auf 11.420 Euro, ohne dass dabei die Kosten für Sachverständige berücksichtigt sind. Bei einem in zwei Instanzen verlorenen Verfahren mit einem Streitwert von 100.000 Euro sind es dann schon knapp 30.000 Euro. Dabei kommt der Gang zum Anwalt recht häufig vor: Laut einer Forsa-Umfrage mussten 57 Prozent der Befragten schon einmal einen Anwalt in Anspruch nehmen. Gemessen an der Gesamtzahl der Policen, rangiert der Rechtsschutz in den Haushalten aber nur auf dem vierten Platz – nach Haftpflicht, Kfz und Hausrat. Bei einer Verbreitung von 46 Prozent hat gut die Hälfte also noch keinen Rechtsschutz.

Leistungsumfang nach Baukastensystem.

Größter Vorteil einer solchen Versicherung ist, dass die Kunden ihre Rechte auch dann wahrnehmen können, wenn sie weniger begütert sind als ihre juristischen Gegner. Immerhin befürchten 52 Prozent der Befragten, dass jene vor Gericht Recht bekommen, die das meiste Geld für Anwälte zur Verfügung haben. Der Leistungsumfang einer Rechtsschutzpolice erstreckt sich in der Regel auf Bereiche wie etwa Privat, Beruf, Verkehr und Wohnen. Allerdings gibt es kein Rundum-sorglos-Paket, das alle Leistungen enthält und abdeckt. Je nach Konstellation – Single oder Familie – und entsprechenden Bedürfnissen können Versicherte bestimmte Leistungen nach einer Art Baukastensystem variabel zusammenstellen. In den vereinbarten Bereichen übernimmt die Versicherung die gesetzlichen Anwaltsgebühren eines vom Versicherten gewählten Rechtsanwalts, die Gerichtskosten, Zeugengelder und gerichtliche Sachverständigenhonorare sowie die Kosten des Gegners, soweit sie der Versicherte tragen muss.

Rechtsschutz für Mieter und Eigentümer extra buchen.

Bestimmte Felder sind in der Regel ausgeschlossen. Hierzu gehören etwa Auseinandersetzungen im Bereich Bauen und Baufinanzierung sowie Immobilien- und Grundstückseigentum, Urheber-, Marken- und Patentrecht, Spiel- und Wettverträge, Halt- und Parkverstöße im Straßenverkehr, Eheschließungen und Ärger im Zusammenhang mit eigenen gewerblichen Tätigkeiten. Auch bei vorsätzlich begangenen Straftaten springt die Versicherung nicht ein. Bei Erbstreitigkeiten zahlt die Versicherung in der Regel nur eine Erstberatung. Rechtsschutz für Mieter und Eigentümer muss extra dazugebucht werden – wie in unserem Beispiel der Familienversicherung. Der Single, der einen preiswerten Rechtsschutz möchte, verzichtet darauf und hat nur die Bereiche Privat, Beruf und Verkehr abgeschlossen. Für viele Felder (z. B. Arbeitsrecht, Wohnungs- und Grundstücksrecht) gilt zudem eine Wartezeit. Meist sind es drei Monate nach Vertragsabschluss.

Acht Familien-Tarife unter 300 Euro Jahresbeitrag.

Bei der Familienversicherung gibt es acht Tarife mit einem Jahresbeitrag von weniger als 300 Euro. Diese kommen von Domcura, KS/Auxilia, DMB, Concordia, NRV, Roland und Adam Riese. Allerdings fällt die Deckungssumme von DMB mit 350.000 Euro im Vergleich zu den anderen Anbietern recht gering aus. Die Spanne bei der Selbstbeteiligung hängt meist davon ab, ob der Verbraucher einen von der Versicherung vorgeschlagenen Anwalt beauftragt oder nicht. So liegt die Selbstbeteiligung im Tarif Flexvon KS/Auxilia bei nur 150 Euro pro Fall, wenn man auf einen Anwalt der Versicherung zurückgreift. Sonst werden 300 Eurofällig. Der Tarif versichert auch zusätzliche selbstständige Tätigkeiten des Versicherten ohne Begrenzung des Umsatzes. Dagegen haben die Tarife Top und Komfort von Domcura Mängel, weil nebenberufliche ehrenamtliche Tätigkeiten nicht mitversichert sind.

Genauer Blick auf Rechtsschutz für Kapitalanlagen.

Sind Kapitalanlagen im Bereich Privatrechtsschutz inbegriffen, bezieht sich das meist auf wenige Produkte. Bei einigen Tarifen gibt es in diesem Punkt gar keinen Versicherungsschutz. Obwohl der Tarif 360 Grad von Advocard einen umfassenden Schutz suggeriert, werden bei Streitigkeiten wegen Kapitalanlagen nur maximal 1000 Euro pro Jahr für eine anwaltliche Beratung erstattet. Domcura Top versichert keine spekulativen Kapitalanlagen. Beim Tarif XL von Adam Riese fällt der entsprechende Versicherungsschutz anders aus. Ab einem Anlagebetrag von 50.000 Euro werden die Kosten bis zu einer Versicherungssumme von 20.000 Euro übernommen. Keine Deckung gibt es jedoch für Geldanlagen auf Sparbüchern, Giro- und Tagesgeldkonten sowie in Bausparverträgen, Lebens- und Rentenversicherungen und steuerlich geförderter Altersvorsorge.

Rechtsschutz-Tarife im Vergleich

Familie. Versichert ist ein 35-jähriger Angestellter, der für seine Familie einen umfassenden Rechtsschutz möchte. Die Bereiche Privat, Beruf, Verkehr und Wohnen sind in der Police inbegriffen. Es handelt sich um einen Erstvertrag. Pro Anbieter wurden maximal zwei Tarife berücksichtigt. Das Ranking richtet sich nach der Höhe des Jahresbeitrags.

Einzelperson. Versichert ist ein 35-jähriger Single, der nur die drei Bereiche Privat, Beruf und Verkehr absichern möchte. Auch in diesem Fall handelt es sich um einen Erstvertrag. Pro Anbieter wurden maximal zwei Tarife berücksichtigt. Das Ranking richtet sich nach der Höhe des Jahresbeitrags.


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