Kolumne 21.01.2026 Vermittlerwelt

Chancen und Grenzen: Wie KI die Kunstwelt verändert

Mehr Tempo, mehr Service, mehr Innovation versus Jobverlust, Datenmissbrauch und Cybercrime: KI ist auch in der Assekuranz Top-Thema. In unserer Kolumne PROMPT! beziehen Expertinnen und Entscheider Stellung. Heute: Dr. Louisa Krämer-Weidenhaupt, Underwriterin Kunst bei der ERGO Versicherung AG.

Dr. Louisa Krämer-Weidenhaupt ist Underwriterin für Fine Art & Specialty bei der ERGO Versicherung. Zuvor war sie bei AXA ART und der Allianz Kunstversicherung tätig sowie im internationalen Kunsthandel und für Galerien. Die 35-Jährige verbindet fundierte Markt- und Bewertungserfahrung mit Expertise in Sales, Dokumentation und Kunstversicherung. (Foto: Felix Kayser)
Dr. Louisa Krämer-Weidenhaupt ist Underwriterin für Fine Art & Specialty bei der ERGO Versicherung. Zuvor war sie bei AXA ART und der Allianz Kunstversicherung tätig sowie im internationalen Kunsthandel und für Galerien. Die 35-Jährige verbindet fundierte Markt- und Bewertungserfahrung mit Expertise in Sales, Dokumentation und Kunstversicherung.
(Foto: Felix Kayser)

Künstliche Intelligenz macht auch vor der Kunstwelt nicht halt. Sie verändert Bewertungsprozesse, Marktpreisprognosen und damit auch die Kunstversicherung – in einer Geschwindigkeit, die noch vor wenigen Jahren undenkbar war. Die Chancen sind groß, doch auch über die Grenzen müssen wir uns stets bewusst sein.

Neue Potenziale

 

KI kann sogenannte Fair-Value-Analysen vereinfachen und Marktpreise schneller und präziser bestimmen – ein Gewinn für die Kunstversicherung. Doch bei jungen Künstlern fehlen oft belastbare Daten, und während die Maschine Stile und Materialien erkennt, bleibt menschliche Begeisterung oder Spekulation schwer messbar. Diskurse lassen sich zwar auswerten, eine unbeaufsichtigte Interpretation birgt aber Risiken. 

Auch in der Katalogisierung beschleunigt KI Prozesse erheblich. Sie gleicht Provenienzangaben mit internationalen Datenbanken ab, erkennt Unstimmigkeiten oder verdächtige Transaktionen – ein wichtiger Beitrag zur Geldwäscheprävention. Noch bestehen jedoch strukturelle Hürden: Viele Provenienzen sind unvollständig, private Verkaufsdaten bleiben fragmentarisch und Mehrdeutigkeiten erfordern weiterhin menschliche Expertise. Aus logistischer Sicht verbessert KI die Risikobewertung, indem sie Schadensszenarien modelliert. Sensorik kann Temperaturschwankungen oder Feuchtigkeit überwachen, Modelle können Umweltgefahren vorhersagen. Zudem sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass etwa eine Skulptur nach falscher Etikettierung im Messebetrieb verloren geht. Digitale Überwachung macht Transportrisiken transparenter und vermeidbarer.

Wichtiges Werkzeug

 

Während Bewertung und Prävention bereits profitieren, ist im Bereich Authentifizierung noch Vorsicht geboten. KI-Systeme analysieren Pinselstriche, Pigmente oder Materialstrukturen und identifizieren Fälschungen erstaunlich treffsicher. Das Start-up Art Recognition etwa zeigt, dass KI mit knapp über 90 Prozent Wahrscheinlichkeit die Zuschreibung von „Samson und Delilah“ in der Londoner National Gallery infrage stellt.

KI vereinfacht Bewertungen, erleichtert Dokumentationen und modelliert Risiken. Doch sie ersetzt menschliches Urteils­vermögen noch nicht.

Dr. Louisa Krämer-Weidenhaupt

Doch die Trainingsdaten sind teils lückenhaft – vor allem bei wenig bekannten Künstlerinnen und Künstlern ohne umfassende Kataloge und bei alten Meistern. Und es bleibt Raum für Intuition: Der Gedankensprung, dass ein Zeitungsausschnitt in einer dadaistischen Collage eine Erfindung zitiert, die erst Jahre später erschien, wird weiterhin von Menschen gemacht. Noch erfordert die Echtheitsprüfung also menschliche Expertise, um KI-Ergebnisse einzuordnen. Sie ist heute ein wichtiges Werkzeug – aber nur im Zusammenspiel mit Laboranalysen, Provenienzforschung und kunsthistorischem Wissen entsteht ein verlässliches Gesamtbild.

Im Dialog

 

KI bietet der Kunstversicherung enorme Effizienz-, Analyse- und Präventionspotenziale. Sie vereinfacht Bewertungen, erleichtert Dokumentationen und modelliert Risiken. Doch sie ersetzt menschliches Urteilsvermögen noch nicht. Die Zukunft liegt noch nicht im Entweder-oder, sondern im Miteinander – KI als Werkzeug, das Prozesse beschleunigt, und Expertinnen und Experten, die diese klug und verantwortungsvoll nutzen.


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