„Verkaufe keine Versicherung, sondern löse Probleme“
Fachlich korrekt, aber emotional wirkungslos: Wer seine Kundinnen und Kunden mit Tarifdetails überfordert, anstatt ein Problembewusstsein für Absicherungs- und Vorsorgebedarf zu schaffen, ist im Vertrieb auf der falschen Spur, warnt unser Kolumnist Bastian Kunkel. Worauf es in der Beratung ankommt.

(Foto: Artur Derr)
Kennst du diese Gespräche? Der Kunde kommt rein, eigentlich noch unsortiert im Kopf – und nach wenigen Minuten reden wir über Beitragsdynamik, Leistungsbausteine und Tarifkürzel, die selbst wir manchmal nachschlagen müssen. Klingt nach Fachkompetenz. Ist aber oft einfach nur Produkt-Overkill. Und am Ende passiert genau das, was keiner will: Der Kunde nickt höflich, geht raus – und macht nichts.
Erkenne den Beratungsbedarf deiner Kunden – und gib ihnen Orientierung
Der größte Fehler in der Versicherungsberatung ist nicht die Auswahl eines falschen Tarifs. Der größte Fehler, der Vermittlerinnen und Vermittlern unterläuft, ist, dass wir zu früh über Tarife sprechen. Immer wieder zeigt sich in der Praxis: Viele Kundinnen und Kunden verstehen zu Beginn des Beratungsprozesses nicht, welchen Bedarf sie haben und welches Problem gelöst werden sollte. Wer wacht schon morgens auf und denkt: „Heute will ich unbedingt eine bessere Nachversicherungsgarantie für meine Berufsunfähigkeitspolice!“ Es sind immer konkrete Situationen, Erlebnisse oder Hinweise, die zum Handeln führen.
An erster Stelle steht das Problembewusstsein. Wenn jemand nicht begriffen hat, warum seine Arbeitskraft sein größtes Vermögen ist, dann ist jede Diskussion über Klauseln in der Berufsunfähigkeitspolice überflüssig. Sie fällt auf keinen fruchtbaren Boden. Wer nicht versteht, dass ein Haftpflichtschaden den finanziellen Ruin bedeuten kann, auf den wirkt die Privathaftpflicht wie ein nerviges Abo. Und wenn jemand glaubt, Altersvorsorge sei ein „Thema für später“, dann kannst du mit Fondsquoten jonglieren, bis du blau wirst.
Schnell und bequem – für eine erfolgreiche Beratung reicht das häufig nicht
Viele Beratungen laufen nach dem Muster: Bedarf grob abfragen, Tarif präsentieren, Unterschiede erklären und auf den Abschluss hoffen. Das ist bequem, weil’s schnell geht. Aber genau dadurch werden wir austauschbar. Wenn wir nur Tarife vergleichen, gewinnt am Ende der niedrigste Beitrag – und nicht die beste Lösung. Aus unserer Beratungspraxis bei „Versicherungen mit Kopf“ wissen wir: Sobald der Kunde den Kontext verstanden hat, legt er andere Kriterien bei der Tarifwahl an. Der Beitrag spielt eine nachrangige Rolle, es geht darum, eine optimale Absicherung für ein relevantes Risiko oder eine plausible Strategie für den Vermögensaufbau zu finden. Und das ist dann ein komplett anderes Gespräch.
Es ist wie beim Arzt: Diagnose vor Therapie
So machen wir es: Erst kommt die Diagnose, dann die Therapie. Ich nutze dafür eine einfache Reihenfolge:
- Ist-Zustand klären. Was wäre finanziell morgen wirklich ein Problem?
- Risiko greifbar machen. Was passiert, wenn du 12 Monate kein Einkommen hast?
- Ziel definieren. Sicherheit, Flexibilität, Familie absichern, Vermögen schützen – was ist das eigentliche Ziel?
- Produkt und Tarif. Jetzt wird das Produkt zur Lösung – nicht zum Selbstzweck.
Der Unterschied ist elementar: Du verkaufst nicht mehr Versicherung. Du löst Probleme.
Fazit: Kontext schlägt Tarif – jedes Mal
Zu viel Produkt, zu wenig Kontext ist der schnellste Weg zu Beratungen, die zwar fachlich korrekt sind, aber emotional wirkungslos. Und ohne Wirkung keine Entscheidung. Wer Kunden wirklich helfen will, muss zuerst dafür sorgen, dass sie verstehen, warum sie handeln sollten – nicht, welchen Tarif sie wählen könnten. Tarifdetails sind das Finish. Problembewusstsein ist das Fundament. Und ohne Fundament brauchst du auch keinen Premium-Tarif mehr zu erklären.
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