Digitale Fitness: Aufräumen, bevor die KI übernimmt!
Mehr Tempo, mehr Service, mehr Innovation versus Jobverlust, Datenmissbrauch und Cyber-Kriminalität: Künstliche Intelligenz ist auch in der Assekuranz Top-Thema. In unserer KI-Kolumne PROMPT! beziehen Experten und Entscheider Stellung. Heute: Johannes Oberhofer, Leiter Digital Hub bei der Bayerischen.

(Foto: Die Bayerische)
Auf den Bühnen der Versicherungsbranche und in den Vorstandsbriefings gibt es derzeit nur ein Thema: Künstliche Intelligenz. Wir diskutieren über automatisierte Schadenregulierung und KI-gestützte Beratungsgespräche. Die Verheißung ist groß: KI soll das Allheilmittel gegen den Fachkräftemangel und die Bürokratielast sein. Doch Hand aufs Herz: Wie sieht die Realität in den meisten Vermittlerbüros aus? Zwischen Kundenanrufen, Portal-Chaos und E-Mail-Flut herrscht oft eher digitale Erschöpfung als Aufbruchstimmung. Und genau hier liegt das Risiko: Wer versucht, einen KI-Turbo auf einen veralteten, stressigen Arbeitsprozess zu setzen, wird nicht effizienter. Er produziert das Chaos nur schneller.
Digitale Schulden
Die Pandemie war ein Weckruf. Über Nacht wurden Beratungstermine in Teams oder Zoom verlegt. Das hat den Betrieb gerettet – eine enorme Leistung! Aber der Preis dafür sind „digitale Schulden“. Wir haben die Technik rasend schnell eingeführt, aber nie gelernt, gesund damit umzugehen. Viele Vermittler springen heute im 30-Minuten-Takt durch virtuelle Meetings und beantworten nebenbei E-Mails. Wer permanent im „roten Bereich“ dreht, verliert jedoch kognitive Leistung. Ein erschöpfter Vermittler aber ist der denkbar schlechteste Pilot für eine KI.
Der Impuls ist verständlich: „Lass uns KI nutzen, um endlich Zeit zu sparen.“ Doch so einfach ist die Rechnung nicht. Eine brandaktuelle Studie von Wissenschaftlerinnen der University of California, Berkeley belegt: KI reduziert die Arbeit in der Praxis oft nicht automatisch, sie kann sie sogar massiv intensivieren. Die Forscherinnen identifizierten drei Mechanismen dieser Verdichtung:
- Aufgabenausweitung: Weil KI den Einstieg so leicht macht, übernehmen wir unbemerkt Aufgaben, die wir früher delegiert oder gemieden hätten.
- Verschwimmende Grenzen: Selbst kleinste Pausen werden genutzt, um der KI noch schnell einen Prompt mitzugeben. Die echte Regeneration fehlt.
- Mehr Multitasking: Wir jonglieren plötzlich mehrere parallele KI-Prozesse. Die kognitive Belastung steigt.
Energiequelle oder Stressor?
Solange das Fundament nicht steht – also eine fokussierte Arbeitsweise und saubere Prozesse –, ist KI nur ein Pflaster auf einem Knochenbruch. Bedeutet das nun, dass wir die Finger von Künstlicher Intelligenz lassen sollten? Im Gegenteil! KI ist der mächtigste Hebel, den wir für eine zukunftsfähige Kundenbetreuung haben. Die Studie zeigt uns lediglich schonungslos auf, dass Technologie allein uns nicht rettet. Es geht um eine grundlegende Erkenntnis: Ob KI uns wertvolle Zeit und Energie schenkt oder zum nächsten großen Stressor wird, entscheidet ganz allein unser eigener Umgang mit ihr.
Echte „KI-Readiness“ beginnt deshalb nicht nur mit dem Kauf einer Lizenz, sondern mit „digitaler Fitness“. Wenn wir lernen, mit den Werkzeugen, die uns heute schon zur Verfügung stehen, energiesparender und fokussierter zu arbeiten, bereiten wir den Boden für echte Co-Intelligenz. Nur wer die eigenen Prozesse im Griff hat, kann sie sinnvoll an eine Maschine delegieren. Wie aber gelingt dieser Schritt in der Praxis? Wie kommen wir vom digitalen Dauerstress zu einer Arbeitsweise, die uns wirklich KI-ready macht? Die vier konkreten Praxis-Schritte für Ihre digitale Fitness lesen Sie im zweiten Teil dieser Kolumne.
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