Exklusiv 03.03.2021 Branche

Welche Rolle Nachhaltig­keit in der Sach­versicherung spielt

Auf Versicherer und Vermittler kommen mit den neuen Nachhaltigkeitsregularien große Herausforderungen zu, auch in der Sachversicherung. Dank aufgeschlossener Kunden gibt es hier aber auch hier viele Chancen. Bei einer Online-Messe gab Assekurata-Chef Dr. Reiner Will einen umfassenden Überblick.

Die deutschen Versicherer haben sich unlängst über einen Beschluss des GDV zu einer nachhaltigen Kapitalanlage bekannt. (Foto: © Tinnakorn - stock.adobe.com)
Die deutschen Versicherer haben sich unlängst über einen Beschluss des GDV zu einer nachhaltigen Kapitalanlage bekannt.
(Foto: © Tinnakorn - stock.adobe.com)

Das Thema Nachhaltigkeit in der Finanzwirtschaft ist gerade in aller Munde. Vom 10. März an müssen Banken und Fonds offenlegen, welchen Beitrag ihre Anlagen zur Nachhaltigkeit leisten. Ab diesem Tag gilt die entsprechende EU-Transparenzverordnung. Die Versicherungswirtschaft beschäftigt das Thema fraglos schon lange. Bislang lag der Fokus lag klar auf Altersvorsorgeprodukten und einer nachhaltigen und grünen Kapitalanlage. Doch was ist mit der Sachversicherung? Infwiefern betrifft Nachhaltigkeit auch diese Branchensparte? Welche Anforderungen gilt es zu beachten und wie bewerten Kunden in dieser Hinsicht ihre Versicherer? Antworten darauf gab Dr. Reiner Will. Geschäftsführer der Rating-Agentur Assekurata bei einem Keynote-Vortrag auf der Onlinemesse „profino“, die sich vor allem an Makler richtet.

Eine Kernbotschaft von Will: „Sachversicherer stehen vor besonderen Herausforderungen, da sie sowohl auf der Aktiv- (Kapitalanlage) als auch auf der Passivseite (Underwriting) vom selben (Nachhaltigkeits-)Risiko betroffen sein können.“ Für Makler könne das auch eine Chance sein, weil hier eine attraktive Kundengruppe heranwachse, die vor allem inhaltlich getrieben sei. Ohnehin müssen Vermittler, die in der Anlageberatung und im Portfoliomanagement tätig sind, zukünftig in Kundengesprächen deren Nachhaltigkeitspräferenzen ermitteln und in die Beratung mit einbeziehen. Grundlage ist die sogenannte MiFID-2-Richtlinie der EU.

Taxonomie-Verordnung bringt Nachhaltigkeitsstandards

 

Um keinen Zweifel an der Bedeutung des Themas Nachhaltigkeit in der politischen Agenda zu lassen, sprach der Assekurata-Chef ausführlich die Entwicklungen der vergangenen Jahre an - von den Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen über das Pariser Klimaschutzabkommen bis hin zum „Green Deal“ der Europäischen Union. „Wichtig ist, dass der regulatorische Rahmen von seiner Dimension deutlich zugenommen hat und auch verschärft wurde“, sagte Will. Der EU-Aktionsplan habe unter anderem zum Ziel, die Kapitalströme zu nachhaltigen Investitionen hin umzulenken. Ein wesentlicher Punkt auf dem Weg dorthin ist die ab 2022 EU-weit anzuwendende Taxonomie-Verordnung. Dabei handelt es sich um ein Klassifikationssystem, das Unternehmen und Investoren einheitliche Kriterien liefert, anhand derer sich eine nachhaltige Wirtschaftstätigkeit identifizieren lässt.

Nachhaltigkeitsrisiken beeinflussen Underwriting schon heute

 

Was nach Zukunftsmusik klingt, ist für Will allerdings schon heute Teil des Versicherungsgeschäfts – einer Branche, die direkt von Klimarisiken betroffen ist. So wirkten sich Phänomene wie Starkregen, Sturm/Hagel, Dürre/Feuer, Überschwemmung, Sterblichkeit, Krankheit oder Armut schon heute auf das Underwriting der Sachversicherer und die Unternehmen selbst aus. Um sich jenseits solcher nicht vorhersehbarer Katastrophen anzupassen, nannte Will die Munich Re als Leuchtturm-Beispiel. Hier gibt es Ausschlüsse im Versicherungsgeschäft und für Investitionen in Unternehmen, die Streubomben und Landminen herstellen, damit handeln oder diese transportieren. Zudem versichert Munich Re keine Neubauten von Kohlekraftwerken oder -minen als Einzelrisiken. Insgesamt allerdings, so Will, seien die Versicherer hier noch sehr uneinheitlich aufgestellt – etwa bezüglich der Branchen die von Risikodeckung ausgeschlossen würden. Markt und Aufsichtsbehörden wie die BaFin sehen derzeit noch Herausforderungen bei der Umsetzung. So dürfe die stärkere Betrachtung von ESG-Risiken nicht zu Deckungsnotständen führen und den Industriestandort Deutschland schwächen.

Foto: © Guido Schiefer/Assekurata

Sachversicherer stehen vor besonderen Herausforderungen, da sie sowohl auf der Aktiv- (Kapitalanlage) als auch auf der Passivseite (Underwriting) vom selben (Nachhaltigkeits-)Risiko betroffen sein können.

Dr. Reiner Will, Geschäftsführer Assekurata Assekuranz Rating-Agentur GmbH

Nachholbedarf beim Thema Kapitalanlage

 

Ein noch unterentwickeltes Thema in der Sachversicherung in Sachen Nachhaltigkeit ist für Will die Kapitalanlage. „Man sollte nicht auf das Produkt im Schaufenster gucken, sondern wie wird es administriert und mit der Kapitalanlage umgegangen wird“, so der Chef der Kölner Ratingagentur. Wenn Wachstum nachhaltig finanziert werden soll, müsse aus dem Magischen Dreieck: Rentabilität, Liquidität, Sicherheit ein Viereck, ergänzt um Nachhaltigkeit, werden. Methoden wie Ausschlussverfahren, Positivlisten, Best-in-Class oder, ein normbasiertes Screening könnten bei Prüfung der Investierbarkeit helfen. Wichtig ist laut Will zudem ein ganzheitlicher Blick der Versicherer. Erster Betrachtungspunkt sei dabei, ob das Versicherungsunternehmen an sich nachhaltig und zukunftsorientiert wirtschaftet.

Positive Einstellung von Seiten der Kunden

 

Von Kundenseite stimmten die Voraussetzungen bereits. Mehr als der Hälfte der Befragten einer Assekurata-Untersuchung ist das Thema Nachhaltigkeit bei Versicherungen eher wichtig oder wichtig, das gilt auch für Nachhaltigkeitsaspekte beim Abschluss eines Produkts. Die Zahlen, die dem Online-Publikum präsentiert wurden, offenbarten zudem, dass Kunden hierbei über die Sparten Leben, Kranken und Sach hinweg keine großen Unterschiede machen. Auf die Bewertung der Nachhaltigkeit von Versicherern im Allgemeinen haben laut der Studie  „grüne Aspekte“ den höchsten Einfluss. Allerdings könnten viele Kunden diese Aspekte bei den Anbietern nur unzureichend bewerten.

In Summe blieb ein positives Fazit. Will: „Kunden haben eine positive Einstellung zum Thema und gegenüber der Nachhaltigkeit ihrer Versicherer“. Für Versicherer wie für Makler böten sich hier viele Chancen. Ein sogenanntes „Greenwashing“ sei allerdings risikoreich. Insgesamt gelte: „Weniger ist mehr, gerade wegen des Themas Ressourcenschonung.“ Die Betroffenen sollten den Bereich Nachhaltigkeit bewusst angehen und nicht in Aktionismus verfallen, das entspräche auch dem Grundgedanken dieser Philosophie.

 


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