Koalition macht Ernst: Jetzt kommt das private Altersvorsorgedepot
Union und SPD haben sich auf einen Nachfolger der unbeliebten Riester-Rente geeinigt. Sparer können künftig direkt in ein gefördertes Altersvorsorgedepot einzahlen. Ein Kostendeckel soll für mehr Rentabilität sorgen. Dass der Staat auch selbst als Depotanbieter auftreten wird, stößt in der Versicherungswirtschaft indes auf heftige Kritik.

(Foto: Bundestag, Bildnummer 5025227, Fotograf: Thomas Imo / photothek )
Die Messe ist gelesen – und die Branche irritiert bis geschockt: „Ordnungspolitisch ist das grenzwertig“, kommentiert Frank Rottenbacher vom AfW Bundesverband Finanzdienstleistung die Änderungen am Gesetzentwurf zur Reform der steuerlich geförderten Altersvorsorge in letzter Minute. Der Vermittlerverband spricht von „Systembruch“ und einem „Vertriebsverbot durch die Hintertür“. Künftig darf auch der Staat Vorsorgesparen in einem Standarddepot anbieten – und tritt damit in Konkurrenz zu Lebensversicherern und Fondsanbietern. Gänzlich falscher Ansatz, moniert auch der Gesamtverband der Versicherer (GDV). „Der Staat sollte Vorsorge ermöglichen, nicht verdrängen. Wenn er zugleich Regeln setzt und als Anbieter auftritt, entsteht ein Zielkonflikt“, kritisiert GDV-Hauptgeschäftsführer Jörg Asmussen.
Neuanfang nach Riester-Desaster
Jahrelang haben sich Bundesregierungen daran abgearbeitet, die gescheiterte Riester-Rente zu modernisieren. Nun also gelingt der amtierenden Koalition aus CDU und SPD der Neuanfang. Höhere Zulagen, einfachere Förderstrukturen, größere Renditechancen: Die Reform dürfte für Millionen Sparerinnen und Sparer spürbare Verbesserungen bringen, besonders stark profitieren Familien und Geringverdiener. Außerdem bekommen erstmals auch Selbstständige Zugang zur geförderten Altersvorsorge. „Der AfW hat diese Öffnung über Jahre hinweg intensiv gefordert“, sagt der Geschäftsführende Vorstand Norman Wirth. „Die Berücksichtigung dieser Gruppe ist ein überfälliges Signal der Anerkennung ihrer wirtschaftlichen Leistung und ein wichtiger Beitrag zur Schließung von Vorsorgelücken.“
Bis zu 540 Euro Grundzulage plus Kinderzulagen
So funktioniert das neue Fördermodell: Bis zu 360 Euro im Jahr bezuschusst der Staat künftig jeden eingezahlten Euro mit 50 Cent steuerfreier Zulage. Bei Beträgen darüber hinaus gibt es 25 Cent Förderung je Euro und zwar bis 1800 Euro pro Jahr. Die maximale Grundzulage steigt damit auf 540 Euro jährlich. Erfreulich für Eltern: Die volle Kinderzulage von 300 Euro pro Kind und Jahr wird bei einem monatlichen Sparbeitrag von 25 Euro gewährt. Zum Nulltarif gibt es die Reform nicht. Allein die beschlossene Förderung von Selbstständigen könnte nach Angaben der Koalition die Staatskasse rund 370 Millionen Euro zusätzlich kosten.
Altersvorsorgedepot mit Kostendeckel
Die Basis für die neue private Altersvorsorge bilden staatlich zertifizierte Vorsorgeverträge, die als Sparplan in einem geförderten Depot eröffnet werden können. Investiert werden kann zum Beispiel in ETFs. Union und SPD einigten sich für das Standarddepot auf einen Kostendeckel von einem Prozent der Effektivkosten. Die Einlage erfolgt nicht mehr in Form eines Versicherungsmantels. Auch die feste Beitragsgarantie entfällt. Stattdessen können Sparer je nach individueller Risikoneigung die Aktienquote ihres Depots auf bis zu 100 Prozent erhöhen. Damit reagiert die Politik auf einen der größten Kritikpunkte an der Riester-Rente: die geringe Rendite durch hohe Sicherheitsanforderungen.
Gut gemeinte Reform, schlechte Umsetzung
Der Verzicht auf starre Garantievorgaben ist auch aus Sicht des AfW eine zentrale Voraussetzung, um die private Altersvorsorge in Deutschland zukunftsfähig zu machen. Der Berliner Vermittlerverband begrüßt „ausdrücklich die stärkere Hinwendung zu einer kapitalmarktorientierten geförderten Altersvorsorge“. Kostendeckel beim Standarddepot und staatliche Konkurrenz sowie ein faktisches Verbot der Verteilung von Abschlusskosten über die Laufzeit machten eine wirtschaftliche Beratung und Vermittlung dieser Produkte aber praktisch unmöglich. „Nach all der intensiven Arbeit entsteht hier eine Reform, die in der Praxis nicht ankommen wird. Die höhere Förderung wird Mitnahmeeffekte erzeugen. Aber die Menschen, die tatsächlich Vorsorge brauchen, werden ohne Beratung und persönliche Ansprache nicht erreicht“, sagt Wirth.
Startschuss ab 2027, Riester-Sparer können ins Vorsorgedepot wechseln
Zum 1. Januar 2027 sollen die neuen Vorsorge-Produkte auf dem Markt sein. Bis dahin haben auch Inhaber alter Riester-Verträge noch Zeit, über einen Wechsel nachzudenken. Für die Altverträge gibt es zwar einen Bestandsschutz, man kann aber auch in ein neues Modell wechseln, ohne die bisherige Förderung zurückzahlen zu müssen. Dabei können allerdings Wechsel-, Abschluss- und Vertriebskosten anfallen – diese werden laut Finanzministerium gesetzlich gedeckelt.
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