15.07.2020 Branche | Produkte

Heftiger Streit um BdV-Studie zu Lebensversicherern

Nach dramatischen Schlagzeilen in einer Boulevardzeitung zu angeblich drohenden Pleiten bei deutschen Lebensversicherern holt die Branche zum Gegenschlag aus. Sowohl die Macher einer Studie als auch der Bund der Versicherten als Auftraggeber stehen in der Kritik.

Wer hat Recht? Der Bund der Versicherten und das Beratungsunternehmen Zielke Research Consult haben mit Eigenberechnungen zur Solvenz deutscher Lebensversicherer die Branche gegen sich aufgebracht. (Foto: © eelnosiva - stock.adobe.com)
Wer hat Recht? Der Bund der Versicherten und das Beratungsunternehmen Zielke Research Consult haben mit Eigenberechnungen zur Solvenz deutscher Lebensversicherer die Branche gegen sich aufgebracht.
(Foto: © eelnosiva - stock.adobe.com)

Wer es schafft, mit einer Studie zu den Solvenzquoten von Lebensversicherern in große Publikumsmedien zu kommen, hat zunächst einmal vieles richtig gemacht. Dem Bund der Versicherten (BdV) ist es gelungen. Die BILD titelte vor einigen Tagen: „Lebensversicherer wackeln – was Sie jetzt tun müssen“. Und legte nach. Die neuesten Schlagzeilen heißen „Rettet die Sparer“ und „Riesige Probleme bei Lebensversicherungen“. Für die Branche ist das ein großes Ärgernis. Die Glaubwürdigkeit und Akzeptanz einer schon seit langem gebeutelten Produktsparte stehen mehr denn je auf dem Spiel. 

Ausgangspunkt ist die eine aktuelle Auswertung der Solvenzberichte der deutschen Lebensversicherer durch den BdV und das Beratungsunternehmen Zielke Research Consult (ZRC). Sie kommen in ihrer Analyse zu dem Ergebnis, dass 22 der 84 untersuchten Versicherer entweder eine zu geringe Solvenz oder eine negative Gewinnerwartung haben. Dabei wurde in diesem Jahr die Methodik zum Vergleich der reinen Solvenzquote verschärft, indem auch sogenannte ergänzende Eigenmittel (zum Beispiel nicht eingezahltes Grundkapital oder versprochene Nachrangdarlehen) abgezogen wurden. ZRC kommt in einer Zusammenfassung der Studienergebnisse zu dem Urteil, dass die Solvenzsituation 2019 eine Spreizung zwischen den Gesellschaften zeigt, auch wenn der Durchschnitt kaum Veränderungen zum Vorjahr aufweist. Der BdV zieht drastischere Schlussfolgerungen. Dort heißt es: „Die Branche driftet auseinander“ oder „Mehr als ein Viertel der Versicherer sind angezählt”. Auch wenn beide Partner die zunehmende Transparenz der Unternehmensberichte loben, bleibt ein im Kern negatives Urteil. „In der Kapitalanlagepolitik sind die Unternehmen unbeweglich“, schreibt der BdV. Es brauche ein Umdenken bei den Unternehmen. Die Versicherungsunternehmen müssten das Eigenkapital stärken, ohne wieder in die Taschen der Versicherten zu greifen. Vielmehr seien die Aktionäre gefordert.

Massiver Gegenwind von den Versicherern

 

Kritik vom BdV und seinem Sprecher Axel Kleinlein sind die Anbieter gewöhnt. Doch wegen des großen Medienechos fällt die Reaktion der Branche diesmal besonders heftig aus. Dabei nehmen die Kritiker auch Studienverfasser Dr. Carsten Zielke ins Visier. Auf Mediennachfrage äußerten sich bereits Vertreter zahlreicher Unternehmen, darunter der HUK-Coburg oder der DEVK, wenig diplomatisch. Dabei ist von handwerklichen Fehlern, Intransparenz oder falschen Schlussfolgerungen die Rede. Ein wesentlicher Kritikpunkt ist die von ZRC verwendete Kennzahl der Gewinnerwartung. Dafür werde in der Studie lediglich die Solvency II-Kennzahl EPIFP (Expected Profits Included In Future Premiums) herangezogen. Der EPIFP beschreibt aber nur die erwarteten Gewinne aus zukünftigen Prämien des aktuellen Bestandes. Das bedeutet, dass die Gewinne aus der bereits vorhandenen Deckungsrückstellung sowie aus dem Neugeschäft fehlen. Die Interpretation des EPIFP als Gewinnerwartung ist aus Sicht der Kritiker deshalb nicht ausreichend. 

Kennzahl Gewinnerwartung „irreführend“

 

Ähnlich äußert sich der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). Ausschlaggebend für eventuelle Aufsichtsmaßnahmen seien die gemeldete Solvenzquote, also das Verhältnis aus anrechenbaren Eigenmitteln zu Kapitalanforderungen. „Alle deutschen Lebensversicherer haben eine Quote über 100 Prozent, kein Unternehmen ist also pleite“, entgegnet der Verband den Aussagen von BdV und ZRC. Die in der Analyse verwendete Kennzahl Gewinnerwartung sei zudem irreführend, da sie keine Aussage zu künftigen Gewinnen der Gesellschaft erlaube. Vielmehr sei der Anteil der ermittelten künftigen Gewinne, die den künftigen Prämienzahlungen zugeordnet werden können, von den Lebensversicherern bereits in ihren Eigenmitteln berücksichtigt worden. Der GDV stellt klar: „Der Unternehmensgewinn und die Überschussbeteiligung für die Versicherten werden auch weiterhin nach der handelsrechtlichen Bilanzierung ermittelt. Im Branchenmittel werden die Versicherten zu über 95 Prozent an den Kapitalerträgen, Risiko- und Kostengewinnen der Lebensversicherer beteiligt.“

die Bayerische prüft rechtliche Schritte

 

Zu den Unternehmen, die in der BdV-Solvenzanalyse nicht gut wegkommen, zählt die Versicherungsgruppe die Bayerische. Sie nennt die Studie schlicht „Unsinn“. Die Münchener sind eine von 16 Gesellschaften der Studie mit einer reinen Solvenzquote von unter 100 Prozent, die als kritische Marke angesehen wird. Die Studie würde allerdings einige Zahlen grob fahrlässig interpretieren und daraus falsche Schlussfolgerungen ziehen, heißt es vonseiten des Münchener Versicherers. Eigenkapital und Sicherungsmittel der Bayerische Beamten Lebensversicherung seien in den letzten Jahren vielmehr überdurchschnittlich gestiegen. Die Versicherungsgruppe kündigte an, rechtliche Schritte zu prüfen. „Durch diese fehlerhafte Studie sehen wir uns absurden Unterstellungen ausgesetzt, die unsere Kunden verunsichern und geschäftsschädigend sein können“, sagt Dr. Herbert Schneidemann, Vorstandsvorsitzender der Bayerischen. Da Studienverfasser Dr. Carsten Zielke die Vorwürfe an seiner Methodik bereits zurückgewiesen hat, ist ein Ende des Streits nicht in Sicht.

 


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