26.03.2021 Branche

Havarie im Suezkanal: Teurer Spaß für Versicherer

Der festgefahrene Containerriese „Ever Given" hat den Verkehr auf der zentralen Schifffahrtsroute zwischen Europa und Asien zum Erliegen gebracht. Dem japanischen Versicherer dürften hohe Kosten entstehen.

Gestrandet: Die „Ever Given
Gestrandet: Die „Ever Given" blockiert den Suezkanal und droht damit den Welthandel lahmzulegen. Die Bergung könnte schlimmstenfalls Wochen dauern.
(Foto: Suez Canal Authority)

Es geht keinen Meter vor oder zurück. Seit Dienstag, den 23.März, blockiert das havarierte Containerschiff „Ever Given” der japanischen Reederei Evergreen den Suezkanal. Rund um den 400 Meter langen Stahlkoloss stauen sich inzwischen rund 240 Schiffe. Eine anhaltende Blockade würde nach Schätzungen der Allianz jede Woche sechs bis zehn Milliarden Dollar kosten. Nun zeigen sich auch erste Auswirkungen auf die Versicherer. Besonders hart dürfte es die Kasko-und die Haftpflichtversicherung des japanischen Eigners Shoei Kisen treffen.

Schwierige Bergung

 

Die Kaskoversicherung funktioniert wie bei einem Pkw, die Haftpflicht ist in der Schifffahrt hingegen über sogenannte „Protection & Indemnity Clubs” geregelt. Das ist eine Spezialität der Branche, die auch die Rückversicherung des Geschäfts abdeckt. Private Versicherer sind hier nicht involviert. Die Agentur Reuters schätzt, dass Schiffe dieser Größenordnung mit Beträgen zwischen 100 und 140 Millionen Dollar versichert sind. Die Versicherer leisten nicht nur bei Schäden am Schiffskörper und an den Maschinen, sondern auch bei Bergungen.

Im Falle der „Ever Given” gestaltet sich diese aber sehr kompliziert. Mit einer Kapazität von 20.124 TEU (Standardcontainer) gehört der Frachter zu den größten Schiffen auf den Weltmeeren. „Es liegt auf der Hand, dass die Größe dieser Schiffe eine Bergungsaktion zu einem schwierigen Unterfangen macht. Schon seit einiger Zeit warnen viele Experten in der Bergungsbranche davor, dass Containerschiffe zu groß werden, um Situationen wie diese effizient und wirtschaftlich zu bewältigen", sagt Kapitän Rahul Khanna, Global Head of Marine Risk Consulting beim Industrieversicherer Allianz Global Corporate & Specialty (AGCS).

Hohe Kosten für Versicherer

 

Laut AGCS-Experten gilt der Suezkanal normalerweise als sehr sichere Wasserstraße. Von 2010 bis 2020 gab es insgesamt 75 gemeldete Schiffsunfälle im Kanal, mehr als ein Drittel betraf Containerschiffe. Diese Statistik hilft dem japanischen Spezialversicherer in diesem Fall jedoch herzlich wenig. Er befindet sich besonders gegenüber geschädigten Dritten in einer komplexen Situation. So entsteht der Suez Canal Authority (SCA) als Betreibergesellschaft der wichtigen Wasserstraße aktuell ein hoher Ausfall von Gebühren, die Schiffe für das Passieren des Kanals entrichten. Ein großes Containerschiff zahlt dafür bis zu 300.000 Dollar. „Zwischen zehn und zwölf Prozent des Welthandels werden durch den Suezkanal abgewickelt. Das sind mehr als 50 Schiffe pro Tag", sagt Khanna.

Darüber hinaus blühen dem Versicherer Forderungen der wartenden Reeder. Sie haben Verpflichtungen gegenüber ihren Kunden. Nun aber drohen verspätete Lieferungen von verderblicher Ware, beispielsweise von Lebensmitteln. Auch andere Produkte wie Zulieferteile für die Industrie oder Computer-Chips haben gewöhnlich feste Lieferfristen. Es drohen Konventionalstrafen, die sich die Reeder vermutlich wiederholen werden. „Solche Vorfälle zeigen die unmittelbaren Auswirkungen, die die Blockade einer der wichtigsten Schifffahrtsrouten der Welt haben kann, und verdeutlichen, wie abhängig der globale Handel von Megaschiffen geworden ist", so Khanna.

Vom Winde verweht

 

Zur Bergung ist das auf Schiffsunglücke spezialisierte niederländische Unternehmen Boskalis vor Ort. „Wir können nicht ausschließen, dass es Wochen dauert", sagte Boskalis-Chef Peter Berdowski zum Rettungszeitplan. Hoffnung mache ein Zeitfenster am Sonntag, in dem der Wasserstand durch die Flut um etwa 46 Zentimeter steigen soll. Derzeit erschwert allerdings starker Wind die Arbeiten. Mit schwierigen Windbedingungen hat die „Ever Green" ein nicht allzu glückliches Händchen: Im Februar 2019 streifte sie nahe dem Hamburger Hafen eine Fähre und beschädigte sie schwer. Zwei Minuten nach der Kollision wurde wegen starker Winde ein Fahrverbot auf der Elbe verhängt.


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